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Heiliger Nicrophorus PDF Drucken E-Mail
Freitag, 9. Juli 2010
Edition TotengraeberÜber die Edition Totengraeber

Mit dem großen, Aas futternden Krabbler  bekam bei Periplaneta die zweite spezielle Edition ihren Namen und ihr Maskottchen. Und auch wie bei der Edition Drachenfliege begnügten wir uns nicht, einfach ein Genre zu bedienen, sondern wie immer auch zwischen den Stühlen (oder hier besser: zwischen den Gräbern) zu wandeln.

Der Totengräber heißt eigentlich Nicrophorus (was auch ein toller Name gewesen wäre) und ist ein Aasfresser, sagt man. Aber das stimmt nicht so ganz, denn eigentlich gibt es keine richtigen Aasfresser in der freien Natur. Lediglich der Stadtmensch frisst ausschließlich totes Fleisch, entweder aus Schälchen mit Folie drüber oder frisch gepresst und gekuttert als Formfleisch, Kochwurst, Döner oder Chickenwings). Aasfresser sind Raubtiere, die lediglich erkannt haben, dass es einfacher ist, bereits Abgemurkstes  oder Dahingeschiedenenes zu futtern, anstatt vorher hektisch hinter dem Essen herzurennen. Und es ist nicht zuletzt auch ökologisch, denn Fleisch fängt jenseits der Tiefkühltruhen sehr schnell an zu verwesen und stinkt dann höllisch.

Der heilige Nicrophorus ist also ein Umweltaktivist. Und da unsere Bücher ja auch die Welt retten sollen, wurde er Markenzeichen und Schutzpatron dieser Edition.

 Krimi, Psycho, Thriller

Ihre stilistische Ausrichtung spiegelt sich, wie in jeder Edition, in den Veröffentlichungen. Unsere totengräberesken Bücher sind irgendwo zwischen zynischem Splatterkram, bissiger Gesellschaftskritik, Politthriller, Krimi und Mystery einzuordnen, sie sind selbst von uns manchmal freiwillig mit "Ab 18 Jahre" stigmatisiert, da man heile Welten jugendlichen Leichtsinns nicht zerstören soll und natürlich auch vermeiden möchte, Leser zu traumatisieren.

Dirk Radtke "Vernissage"

In Punkto Gewaltdarstellung und in der Beschreibung menschlicher Abgründe ist unser Nicrophorus gerne tabulos und sarkastisch, was aber nicht bedeudet, dass er sich in roher Gewalt suhlt und einfach die eh schon von anderen überschrittenen Grenzen des guten Geschmacks und der Obszönitäten nur um ihrer selbst Willen zu überschreiten versucht. Die Groteske und die sarkastische Gesellschaftsstudie hat nämlich unglaublich großes therapeutisches Potential und das auch, wenn der Lesende sich gern in Innereien suhlt, sich gern gruselt und über jene Dinge herzhaft lacht, die andere in den Wahnsinn und in Heulkrämpfe treiben. Totengräber-Bücher können weh tun und sie können einem Angst machen, auch vor sich selbst.

Ein wichtiges Anliegen ist die Befreiung von Horror, Thriller und Splatter von seinem verkappten Konservativismus und seiner ewig gestrigen Moral, denn nirgends sind Schuld, Sühne, Himmel, Hölle, Gott, Satan und all der andere christliche Blödsinn so verankert, wie im Grusel und Horror-Genre. Legenden vom Paradies begegnet man nicht mit der Glorifizierung der Hölle, auch wenn Thriller wie "Sieben" durchaus zu den ewigen Sternstunden des Genres zählen. Neben dem, was man effektvoll als "Hardcore" bezeichnet, sind aber auch spannende Mysterythriller oder Krimis gefragt, in denen das Blut zwar kocht oder in den Adern gefriert, aber wenigstens nicht über den Küchentisch läuft.

Dirk Radtke "Vernissage"

Doch angefangen hatte alles gleich ganz, ganz böse, nämlich mit Edgar "Eddie" Tess, der in Dirk Radtkes "Vernissage" versucht, in die Fußstapfen des toten Vaters zu treten und ein großer Künstler zu werden. Er will nämlich, dass ihn seine Mutter wieder lieb hat und ihn achtet. Allerdings ist Eddie wegen diverser traumatisierenden Ereignisse in seiner Kindheit ein bisschen parashizophren und sein Interesse an Frauen wird von Seite zu Seite immer pathologischer....

VS Gerling "Das Kanzlerspiel"

"Vernissage" schockiert mit seiner abgründigen Ich-Perspektive und nicht zuletzt mit seinem Sarkasmus. Wer also beim Lesen von "Vernissage" lachen muss, der braucht nicht zum Arzt gehen, sondern ist ganz auf dem rechten Weg.

VS Gerling "Das Kanzlerspiel"

Nach Astsäge und Brustamputation kreuzte V.S. Gerling unseren Weg und stellte uns ein Manuskript vor, das auch als Krimiserie jedes Fernsehprogramm aufpäppeln würde. Nur dass eben bei "Das Kanzlerspiel" der Schauplatz nicht irgend eine amerikanische Großstadt ist, sondern die deutsche Politlandschaft. Das fanden wir großartig und setzten uns in den Kopf, das Buch, dessen Umfang alles bisher bei Periplaneta erschienene überstieg, noch zur damals anstehenden Bundestagswahl rauszubringen. Vom Manuskript zum Buch blieb uns eine Zeit von vier Wochen. Dennoch kann sich das Ergebnis sehen und lesen lassen. Die Story ist ganz im Stile einer Krimiserie geschrieben, sehr rasant und spannend bis zum Schluss.

 Mauricio Borinski "Arschloch!"

Der folgende Roman in der Serie unserer bösen Bücher ist eine schräge, bizarre Medien- und Gesellschaftssatire. In einer sarkastischen Groteske wandelt unser aufstrebender Callcenter-Mitarbeiter durch alle erdenklichen Instanzen allgegenwärtiger Dekadenz, lebt die Abgründe einer demoralisierten, entkultivierten Gesellschaft aus, deren Existenz nicht einmal mehr durch Exzess geprägt ist, sondern in erster Linie von Langeweile. Das schlimme an diesem Buch ist, dass Borinski sich wirklich Mühe gibt, dick aufzutragen und dabei im Endeffekt immer nur der Realität sehr nahe kommt, sie aber nicht überzeichnet. Das sagte uns auch, dass die Welt dieses Buch dringend braucht!

 

Dirk Radtke "Vergeltunggschlag"
Mauricio Borinski "Arschloch!"

Selten hat mich die Arbeit an einem Buch so mitgenommen, wie bei "Vergeltungsschlag". Die wie ein Tagebuch aufgebaute Geschichte eines Amokläufers ist packend wie ein Thriller und überzeugender, als die meisten Sozialstudien zu diesem Thema. Erstmalig haben wir bei diesem Buch mit einer Band zusammengearbeitet, die als Soundtrack zum Kopfkino drei Songs beisteuerte. Die junge Berliner  Metalband Pandoras Tears war schnell Feuer und Flamme für dieses Projekt und gab der Arbeit an "Vergeltungsschlag" neue Impulse. Ihre Musik ist mit einem ergreifenden Pianostück von Georg von Weihersberg als CD dem Buch beigelegt. 

 

Der heilige Nicrophorus hat also viele Gesichter. Mit Marc Linck hat bei der Edition Totengräber jüngst auch ein Mystery-Autor unterschrieben. Sein Roman "Das Majestic12 Dokument" erscheint im August 2010. 

 Thomas Manegold

ALLE VERÖFFENTLICHUNGEN DER EDITION TOTENGRAEBER
 
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