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Prägung - Vernissage, Lesung & Kunstprojekt PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 25. Februar 2010

PRÄGUNG DreamteamMultimedia und Vergangenheitsbewältigung

Mit PRÄGUNG schlagen wir für PERIPLANETA ein neues Kapitel auf, denn PRÄGUNG ist mehr als nur ein Buch. Hier betreten wir die oft schon proklamierten Pfade der freien, aktiven Kunst. Im Alleingang, ohne Investoren, nur mit dem Engagement aller Beteiligten wurde aus einer anfänglichen Idee ein Kunstprojekt, welches Buch, CD, Musik, Kunst und Aktion zu einem großen Ganzen verbindet.

Der Künstler Joachim Zintel hat erzählt, was ihn als Kriegskind geprägt hat, zugleich sind Prägungen ein wesentlicher Bestandteil seiner künsterischen Arbeiten. Der Autor René Gummelt formte aus diesen Erinnerungen verdichtete Texte und Georg von Weihersberg steuerte dazu Klaviermusik bei. All diese Komponenten wurden dank der Regiearbeiten unseres Produktionschefs Thomas Manegold souverän zu einem Gesamtkunstwerk verwoben.

Buchpremiere und Vernissage 26./ 27.Februar 2010

Im Rahmen der Buchpremiere eröffnen wir also nun in unserem Kreativzentrum unsere erste kleine Kunstausstellung mit Prägungen und Typografien von Joachim Zintel. Freitag und Samstag wird jeweils ab 20 Uhr eine musikalische Lesung stattfinden. Die Ausstellung wird dann bis Anfang April zu sehen sein. Sie ist natürlich auch kein bloßer Kunst-Aktionismus, vielmehr wurde schon während den Vorbereitungen sehr oft über die bewältigten Themata gesprochen und diskutiert. Auch hier wünschen wir uns einen Austausch mit einem interessierten Publikum. Das folgende Gespräch der drei Akteure soll ein Anfang sein.

 

 Interview

Dieses Interview fand in zwei Sitzungen statt, im November und Dezember 2009.
J.Z.  = Joachim Zintel
GW. = Georg von Weihersberg
RG. = René Gummelt

GW.: Bis an welche frühesten Lebensjahre kannst du dich zurückerinnern, Joachim?

JZ.:  Ich kann mich an sehr frühe Kindheitserlebnisse heute noch genau erinnern. Es muss etwas passieren, damit man sich wieder an etwas Bestimmtes erinnern kann. Ganz bestimmte Erinnerungsmerkmale sind hierbei entscheidend.

RG.: Es gibt da psychologisch gesehen extrem positive oder negative Kindheitserlebnisse, die sich als markant erweisen und prägend sein können. Diese können dann fest in der Erinnerung und im Bewusstsein bleiben.

GW.: Ich kann mich auch noch ganz genau an die erste Mondlandung erinnern. Das war sehr prägend für mich. Das blieb fest in meinem Bewusstsein. Und dann können auch Ausfälle auftreten, dass Erinnerungen, an die ich mich jahrelang erinnern konnte, plötzlich vergessen werden.

RG.: Vieles, was so kurzzeitig vergessen wurde, kann ja dann auch später wieder zurückkommen, wenn es auslösendes Erlebnis gibt.

GW.: In der Musik habe ich teilweise auch solche gedanklichen Ausfälle, die teilweise mit meinem Konzept der Improvisation zu tun haben.

JZ.: Dein musikalisches Werk „Tempo 81“, das sich auf die Werke „Prägung“ bezieht, enthält viele Variationen. Welche Rolle spielt hierbei das Moment des Improvisierens?

GW.: Es gibt „fest“ komponierte Abschnitte in diesem Werk, im Anfang und im Schluss, im Mittelteil befinden sich dann improvisierte Sequenzen. Alles folgt dann einem bestimmten musikalischen Prinzip, das vorgedacht ist, aber improvisierend verändert werden kann. Des Weiteren ist mir das Autodidaktische stets wichtig gewesen in meiner Musikerfahrung.

JZ.: Das Autodidaktische ist ja dann auch eine besondere Begabung.

RG.: Und das Autodidaktische kann ja auch sehr grenzüberschreitend sein.

JZ.: Empfindest du dich auch als grenzüberschreitend?

RG.: Ja, im Bereich der Eigenwilligkeit, also neue Wege im Leben auszuprobieren und eigene Maßstäbe für die eigene Entwicklung zu setzen. Selbstreflektierend den eigenen Entwicklungsgang zu beobachten und neue Reize aufzunehmen, um den eigenen Kosmos zu erweitern.

JZ.: Hast du beim Schreiben Grenzenlosigkeit erlebt?

R.: Bisher habe ich es beim Schreiben in Form des Schreibrausches erlebt, dass ich die reale Gegenwart verlasse und in einen Zustand der Losgelöstheit vom Realen gerate. Das ist ja auch ein typisches Motiv der Epoche der Romantik, dieses Verlieren, das Gleiten in einen besonderen Bewusstseinszustand, z.B. durch das intensive Hören von Musik.

GW.: Ich kenne dieses Gefühl des Sichverlierens beim Klavierspielen. Dieser „Flow“ ist dann eine Art von Ekstase, von Ichlosigkeit. Dies stellt dann auch eine Art Grenzenlosigkeit dar. Dann kommt die Ahnung noch ins Spiel. Das Gefühl, wenn ich mich weiter selbst verliere, dann kann ich auch bald tief fallen.

JZ.: Das Sichverlieren kann auch mit der Vergangenheitsbewältigung in Beziehung gesetzt werden. Intuitiv wird etwas geahnt. Wir haben etwas in uns, das wir erahnen können. Das Erahnen als Rettungsanker. Könnte dieses Erahnen helfen, Generationsprobleme zu überwinden? Wir drei sitzen in diesem Fall zusammen als Vertreter von drei verschiedenen Generationen. Was lässt uns diese Generationsfremdheit überwinden?

Prägung Dream TeamRG.: Es ist unser Interesse an anderen Lebenswegen- oder das fehlende Nichtinteresse an der jeweils anderen Generation. In interessiere mich für die  Erfahrungen der älteren Mitmenschen. Somit ist es auch automatisch die Faszination für Geschichte, die über Biographien vermittelt wird. Des Weiteren ergeben sich nach meinen bisherigen Erfahrungen auch Gesprächsthemen mit Älteren, die ich mit Gleichaltrigen nicht führen konnte. Besonders ernsthafte Themen wie Krankheit, Tod, Umgang mit der Vergangenheit, Vergänglichkeit, politische und kulturelle Diskussionen kann ich eher mit älteren Gesprächspartnern führen.

GW.: Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Gleichaltrige haben mich eher gelangweilt. Die Neugier, das Interesse am Fremden sehe ich als wichtige Motivation, Gespräche mit der älteren Generation zu führen.

JZ.: Ich habe es selbst als junger Mensch erlebt, dass diese Kommunikation mit Älteren wichtig sein kann für die eigene Entwicklung.

GW.: Der Erfahrungswert ist sicherlich eine wichtige Quelle, von der die jüngeren Generationen wichtige Impulse erhalten kann. Auch im Bereich der Kunst kann dieses Erfahrungswissen wichtige Inspirationen für jüngere Künstler liefern. Und durch die Weitergabe von Erfahrung wird das Vergessen zumindest aufgehalten.

JZ.: Auch in der Kunst gibt es diesen Ewigkeitsgedanken, dass Vergangenheit vermittelt wird, damit Geschichte in der öffentlichen Erinnerung bleibt.

RG.: Diese öffentliche Gedenkkultur, bewusst beeinflusst durch kulturelle Themen und Methoden, verhindert das Vergessen ansatzweise. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist es entscheidend, wie und ob das Gedenken erhalten wird.

JZ.: Was verstehen wir unter Prägung? Wie entscheidet die eigene Prägung das weitere  Leben? In der frühen Kindheit habe ich aufgrund der Kriegsgefahren gelernt, in schwierigen Situationen inne zu halten, ruhig zu bleiben und eine absolute Entscheidung zu treffen. Das war lebenserhaltend. Dadurch habe ich gelernt, die Vernunft bewusst einzuschalten, aber trotzdem mich auf das eigene Gefühl zu verlassen.

GW.: Die Vernunft kann das Verstehen unserer Handlungen ermöglichen, dem Anderen kann mitgeteilt werden, warum wir so handeln.

RG.: Die Vernunft als Kommunikationsstütze, um sich sich sachlich verständigen zu können, um die Mitmenschen besser verstehen zu können.

GW.: Das literarische Werk „Prägung“ versucht sicherlich auch Geschichte sprachlich zu vermitteln. Existiert hier auch eine didaktische Funktion?

RG.: Beim Führen der Interviews und beim Auswerten der einzelnen Texte von „Prägung“ war Joachim und mir stets wichtig, dass Historisches durch die subjektiven Lebenserfahrungen vermittelt wird. Die Zweiteilung des Ich-Erzählers in einerseits den Jungen, der direkt aus der Flüchtlingszeit spricht, andererseits in den gegenwärtig lebenden alten Protagonisten, der über seine Prägung reflektiert, macht die Lebenserfahrungen aus der Kriegszeit greifbar.

GW.: Kann das Mitteilen in Form des Erzählens von Geschichte dem Verständnis von historischen Sachverhalten dienen?

RG.: Es kann mehr emotionale Betroffenheit erzeugen, die auch die Motivation steigern kann, sich intensiver mit Geschichte zu befassen. Geschichte wird so authentischer und anschaulicher. In der modernen Geschichtsdidaktik ist die Vermittlung von Emotionen ein zentraler Sachverhalt, damit Schülerinnen und Schüler sich intensiver in eine Zeit hineindenken können.

JZ.: Das ist eine wichtige Frage für mich. Der didaktische Wert ist zu betonen, Geschichte kann so erfahrbarer werden für die Nachfahren. Wie der Mensch in einer bestimmten Zeit gelebt hat, bedeutet für mich Kulturwissen. Ich habe in den vielen Gesprächen mit René dieses spezielle Wissen und meine Erfahrungen zum Ausdruck gebracht, so dass Material entstand, das René selbstständig und mit allen künstlerischen Freiheiten bearbeitet hat. Somit entstanden eigenständige literarische Texte, die allerdings nicht als Biographie verstanden werden sollen. René ist also Autor von „Prägung“ und kein Ghostwriter.

GW.: In diesen Texten ist mir das Moment des Mahnens aufgefallen. Der Junge, der in dem alten Erzähler steckt, drängt danach, das Vergessen durch Erinnern zu verhindern. Dieses auch sehr berührende Motiv, dieses Ankämpfen gegen die Vergänglichkeit von Erfahrungswissen, wird umfassend geschildert. Somit werden auch moralische Aspekte thematisiert, einerseits in Form von Kritik am Krieg als politisches Mittel schlechthin, Auf der anderen Seite wird zum Erinnern aufgerufen.

RG.: Der Begriff „Prägung“ ist in diesem Gesamtwerk auch ein Symbol, eine     Metapher. Verdeutlicht wird das durch die Kunstwerke, die ja Prägungen sind. Welche Assoziationen könnt Ihr diesbezüglich bilden?

GW.: Als erstes fällt mit Sozialisation ein. Wie ich in einer bestimmen Zeit, in einer bestimmten Familie, in einem bestimmten sozialen Umfeld aufwachse und beeinflusst werde. So werde ich geprägt, sozialisiert. Eine Münze wird geprägt, die verändert sich nicht mehr. So wird auch die eigene Entwicklung in einem gewissen Rahmen vorgeprägt.

RG.: Dann kann Prägung metaphorisch gesehen das Aufstempeln, das Formen bedeuten. Wichtig wird auch der Aspekt der damit verbundenen Schöpfung eines individuellen Entwicklungsverlaufes.

JZ.:  Für mich war die innere Prägung entscheidend. Ich fühle mich von innen her geprägt in meinen Einschätzungen, was gut oder schlecht ist. Kinder erlernen dies sehr schnell in der Frühentwicklung. Nach einem Gedankengang habe ich als Kind gelernt, das ist gut oder schlecht. Ich möchte das gerne an einem Beispiel darstellen. Während der Flucht stahl mir eine Frau meine Decke. Ich konnte diese Decke dann bestimmen und ihr vorwerfen, sie habe diese gestohlen. Es wurde von den Erwachsenen dann gesagt, es sei ein Allgemeingut. Zuvor hatte jeder eine Decke erhalten, und es hieß, man solle gut auf diese aufpassen. Diese Zuordnung von Besitz wurde von mir als gut und der Diebstahl meiner Decke bewusst als schlecht bewertet. Dieses Erlebnis hat mich geprägt.

RG.: Wie ist die Bereitschaft entstanden, über diese Prägungen zu sprechen, damit automatisch auch öffentlich zu werden? Warum ist die Vergangenheit erst 2004 bewusst verarbeitet worden und nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt?

JZ.:  Es hat etwas damit zu tun, dass ich zu meinem Ursprung innerlich zurückging. Der Ursprung des eigenen Lebens. Dieses habe ich für mich immer wieder vergegenwärtigt.

RG.: Kann dies eine Form der Vergangenheitsbewältigung darstellen?

GW.: Ich denke schon, es gibt eine unbewusste und bewusste Verarbeitung der Vergangenheit. Der Flüchtlingstreck fährt vielleicht bei Joachim stets unbewusst mit, durch diese sehr prägende Zeit. Wie ein Fluch der Vergangenheit, der intuitiv noch von einem selbst wahrgenommen wird.

JZ.: Mir wurde gesagt, dass ich intuitiv künstlerisch arbeite. Mit dem Intuitiven ging ich kalkuliert um, somit stieß ich auf den kalkulierten Zufall, mit dem ich arbeite. Das hörte sich für mich anfangs paradox an. Dieses Einlassen auf die eigene Intuition hat mir neue Gedankengänge ermöglicht, auch hinsichtlich meiner Auseinandersetzung mit dem Begriff Prägung. Im künstlerischen Bereich verwende ich den Begriff
Prägung für meine Konzeption von Stempeln. Ich arbeite mit Stempeln, was für mich Prägung ist. Danach schaue ich unter die Stempel, um zu sehen, was unterhalb der Stempel passiert. Und da passiert etwas, was meinem Willen nicht ganz unterliegt. Deswegen ist diese Kunstart so wahnsinnig interessant für mich.

GW.:  Warum setzt Du die Lebenserfahrungen von Joachim literarisch um?

RG.:  Einerseits spielt für mich die Motivation eine Rolle, das Wissen der Vergangenheit zu sichern. Auf der anderen Seite hat mich diese Perspektive des Kindes fasziniert, welches wegen seines Überlebenstriebes die Kriegs- und Flüchtlingszeit überleben will. Dieser Existenzkampf ist für mich ein zentrales Thema, diese universale Bedeutung von Überlebensstrategien in Kriegssituationen. Eine mögliche Weiterentwicklung wäre zukünftig ein Projekt „Prägung II“, in dem Joachim seine Jugend in den 1950er Jahren analysieren könnten. Hierbei wäre die zentrale Fragestellung wichtig, wie diese prägenden, traumatischen Flüchtlingserlebnisse in der Kindheit die weitere Entwicklung beeinflusst haben.

JZ.: Diese Frage, was wäre wenn ich nicht diese Erlebnisse gehabt hätte hinsichtlich meiner weiteren Entwicklung, hat mich oft im Leben beschäftigt. Es ist nicht zu klären, sondern es sind Mutmaßungen über mögliche Lebensoptionen. Welche Erwartungen hättest Du, Georg, hinsichtlich einer neuen Zusammenarbeit von uns dreien, wenn wir uns mit den Jugenderfahrungen von mir in den 1950er Jahren auseinandersetzen würden?

GW.:  Es könnte so vorgegangen werden, dass erst Musikstücke von mir komponiert werden und dann werden die literarischen Texte mit diesen neuen Musikwerken in Beziehung gesetzt. Dann wäre mehr Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Kunstformen existent.
Viel Potential sehe ich in der literarischen Beschreibung der Tatsache, dass diese spießigen 1950er Jahre, in denen die NS-Vergangenheit kollektiv verdrängt wurde, belastend wirkte auf die Entwicklung eines Jugendlichen, welcher diese Kriegs- und Flüchtlingserlebnisse als Kind erfahren hat.

 

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