Was passiert eigentlich mit Ihrer Stimme in der Wahlurne"Dedopte Gallionsfiguren versprechen sich und viel zum Nulltarif..." So war es einst, in meiner Jugend. Heute begreift selbst der bildungsgeschädigte, konsumverseuchte, fernsehabhängigte und bildzeitungsgläubige zweibeinige Wiederkäuer der gemachten Meinungen, dass wir die ganze Party auch bezahlen müssen, bei der es darum geht, uns mündige zahnlose oder billigplastikbekronte Bürger mit leeren Versprechen zu beeindrucken. Wahltag ist Zahltag. In Scharen kommen die Bespaßten zu den Sammelstellen, wo sie die einzige Stimme, die sie haben, einfach mal abgeben. Sie haben sich vorher viele Gedanken darüber gemacht... Ich auch.
Haben Bauchredner nicht zwei Stimmen. Und Schizophrene? Und wie steht es mit schizophrenen Bauchrednern aus? Und warum reden eigentlich alle noch nach dem Wahltag. Zwar gab es früher noch Scheintote, die aus Versehen begraben wurden und dann über eine Schnur Glöckchen zum Klingeln brachten, als sie wieder aufwachten. Aber auch in jener grauen Vorzeit, als die Leute nicht erst ihr Hirn abschalteten und dann starben, war es allgemein endgültig, wenn man als Mensch mit oder ohne Stimme in einer Urne verschwand.
Eine Klingel über dem Grab signalisiert Hoffnung. Auch wenn beim Klang jener Alarmglocken meistens die Ratten in den Gräbern Schuld waren. Rauchsäulen über Krematorien dagegen haben etwas Endgültiges... Am Wahltag dürfen wir entscheiden, in welcher Urne man uns oder unsere Stimme oder unseren freien Willen versenkt. Abgefackelt wurden wir ja schon vorher. Mittlerweile gibt es auch Biobestattungen, bei denen man den Corpus in Lauge legt. Und auch die Parteien machen sich emsig Gedanken, wie man Stimmen, die man nicht hören will, umweltverträglich entsorgt. Die Stimmenbestattungsunternehmer wissen: Wer nicht wirbt stirbt. Und so machen sie mobil im Kampf um die Toten, zumal sie ja am Ende die Millionen wiederbekommen, mit denen sie das Feuer unterm Grill, auf dem wir schmoren, am Brennen halten. Flammende Reden entfachen Buschbrände, und diese führen auch nachdem die Büsche längst Asche sind, zu Strohfeuern auf den Dächern unserer Hütten oder den Hütten derer, die für unseren Wohlstand bluten.
Wahltag ist Zahltag. Stimmenbruch, Stimmenbrand, Stimmenschwund. Ein stummes Volk schreit schweigend auf –vor Schmerz und Langeweile. Wahltag ist Zahltag, der Wohlstandsfluch eines satten Landes mit großem, nimmersatten Schlund. Wir abwrackprämierten, vierjahreszeitenschlussverkaufsverblendeten Wohlständler bestimmen diejenigen, die uns die 30 Jogurtsorten ins Regal stellen dürfen- für einen Stundenlohn von 10 000 EUR- Und niemand sagt: „Verweile doch Du bist so schön!“ zu irgend einem Führer. Und keiner denkt ans Untergehen, statt Untergang gibt’s Urnengang und Mundgestank im Arbeitsamt für die stummen Stimmverlierer. Denn wir wissen, auch ohne Taubendreck in den Haaren, dass wir ständig beschissen werden. Nicht von den unsichtbaren Lakaien der Macht, nur von ihren Papageien.
Wahltag ist Zahltag. Der Schattenkrieger Drohgebaren wird zur kollektiven Siegerpose, Siegerposse, egal ob Christ, Kapitalist, Liberalfaschist, Katholik, Genießer und Genosse. Und der sich kleingesoffene Mann weiß seit dem ersten Luftschaukelerlebnis auf dem Jahrmarkt der Eitelpleiten: Aufschwung, Abschwung, Umschwung, Überschlag und ... einmal Gosse immer Gosse. Seitdem auch jenes hoffnungslose Heer der- Flaschensammler, UmsonstSbahnfahrer, Studenten, Kleinanleger und Literaten bemerkt hat, dass diejenigen, die sich als „etablierte“ Parteien bezeichnen, sich seit Jahren im Kreis drehen, schwarze Peter und Joker herumreichen und sämtliche Sprichworte von Krähen, Spatzen, Tauben und Einäugigen wahr werden ließen, seitdem haben die kleinen Gannovenvereine regen Zulauf- von Flaschensammlern, UmsonstSbahnfahrer, Studenten, Kleinanlegern und Literaten. Anno 2009 haben die Großen aber erstmals Angst vor den Kleinen, so große Angst, dass Sie der Hälfte der Kleinen klammheimlich verboten haben, auf Stimmenfang zu gehen. Dabei wollen die sich auch nur etablieren, wollen zu denen gehören, die am Tropf derer hängen, die Flaschen kaufen, austrinken und am Straßenrand stehen lassen, von denen, die Bahntickets bar bezahlen, die Studenten beschäftigen, die Omas um ihre Rente bringen und die sich Hardcoverbücher leisten können.
Diese Leute bilden nämlich die größte Minderheit in diesem Land. Die Gruppe der Steuerzahler. Die bezahlt ja bekanntlich den ganzen Rummel, der alle vier Jahre landesweit veranstaltet wird. Sie bezahlt die Luftballons mit den drei Buchstaben, die Fotosession, bei der Frank Walter Steinmeyer einen Arbeiter in leidlich gelungener homoerotischer Pose an den starken Arm fasst, die Hetzreden eines Herrn Rüttgers gegen die Rumänen, die Hamsterbackenretusche an den Riesenpostern von Angela Merkel... Sie wissen schon... „Wir haben die Kraft!“ steht unter der leidlich freundlich lächelnden Frau. Was soll das? Mit der „Kraft durch Freude“ Nummer sind wir doch schon mal baden gegangen. Das hindert jedoch noch niemanden am Stimmenfang auch bei den ewig Gestrigen, Hinterbliebenen, Zurückgebliebenen, Vergessenen, Vergesslichen ...
Überhaupt scheinen allen Beteiligten, trotz Rekordbudget für das Affentheater, die Ideen auszugehen. Selbst die SPD wirbt mit den „Atomkraft. Nein, Danke!“ Plakaten, die uns vor 10 Jahren auf die Grünen hereinfallen ließen. Wahrscheinlich hat Deutschlands größte Arbeiterpartei diese Idee deshalb geklaut, weil damit die einstige Ökopartei die Fünf-Prozent-Hürde geschafft hatte. Die FDP meint, dass sich Leistung wieder lohnen müsse. Dass dafür in einem Hochlohnland allerdings die Bedürftigen und diejenigen, die nichts leisten können oder dürfen, leer ausgehen müssen, hat leider nicht mehr aufs Plakat gepasst.
Wahltag ist Zahltag. Wir leben in einem Land, dem die Lichter ausgehen... jedenfalls die Lichter, die weniger als 5,99 EUR kosten. Wir leben in einem Land, in dem ausgerechnet die Familienministerin die gefickten Kinder dieser Welt vor den Karren spannt, um das Internet mundtot zu machen. Wir leben in einem Land, in dem ein fetter Genosse in aller Öffentlichkeit seinen auswendig gelernten englischen Sprachwortschatz ausprobiert. „Yes we can“.
Yes we Can! Wir werden euch immer weniger Wissen in immer längerer Zeit vermitteln, Wir werden euch aufs Abstellgleis schieben- die Leipziger Sozialreform- die ganze Welt wird ein Sackbahnhof. Endstation Einkaufszentrum. Yes We Can! Wir werden euch in umweltfreundlichen Krematorien verheizen, die ihr gebaut habt. Wir werden den CO2 Ausstoß eurer Kadaver verringern, indem wir euch das Atmen abgewöhnen. Wir werden den Kühen das Furzen verbieten und den Afrikanern das Angeln. Für unsere Umwelt. Nicht für eure. Wir werden euch mit immer perfideren Kampagnen in Angst und Schrecken versetzen, euch aufeinander hetzen und Wetten darüber abschließen, wer als erster draufgeht. Yes We Can! Wir werden immer neue Krankheiten erfinden und euch dagegen impfen. Wir werden euch Kriege führen lassen um das Öl für unsere Privatjets. Wir werden euch in Arbeitslosenlager stecken und zu Tode versichern. Und das Coole ist, ihr müsst dafür nicht mal aus euren Wohnzimmern raus, in die wir euch mit unseren einschläfernden Talkshows eingesperrt haben. Nur einmal, alle vier Jahre, müsst ihr euch eine Urne aussuchen, in die wir eure Überreste stopfen und aufbewahren. Yes we can! Und dann... Werden wir aus eurer Asche Diamanten pressen und sie an dicken Goldketten uns um den Hals hängen. Ketten aus dem Zahngold eurer Großeltern, denn ihr bekommt seit Jahren ja nur noch Plastik in die Löcher, Löcher die euch inzwischen Süßungsmittel und Wasserenthärter fressen müssen, seitdem die Rumänen keine Rüben mehr ernten, sondern Handys zusammenbauen, Handys, die ihr braucht, damit wir immer ganz genau wissen, wo ihr euch aufhaltet.
Yes we can! |