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Von Äußerlichkeiten sollte man sich nicht täuschen lassen. Manchmal kommen gute Geschichten nicht gerade optisch ansprechend daher. Das neue Buch "Hope´s Obsession" von Anja Kümmel schaut zwar verdammt nach Selbstverlag aus, steht inhaltlich den Großen aber in nichts nach. Form und Inhalt liegen hier meilenweit auseinander - aber lieber so als anders. Denn qualitativ hat der Roman einiges zu bieten.
Hope findet in einem Krankenhausbett wieder zu sich. Ihr Gedächtnis und ihr Erinnerungsvermögen an die letzte Zeit sind beeinträchtigt: eine Teilamnesie, die wahrscheinlich durch einen Unfall verursacht wurde. Doch irgendwie hat sich die junge Frau verändert, sie gleitet immer öfter in eine fast schon wahnhafte, groteske Traumwelt, die kaum von der Realität zu unterscheiden ist - weder für sie noch für den Leser. Hier begegnen ihr zwar Bruchstücke ihrer Vergangenheit, sie weiß sie aber weder zu deuten noch in einen erklärbaren Kontext zu setzen. Ein unerklärbares Sehnen durchdringt sie und fast schon verbissen sucht sie nach einer Erfüllung, nach einem Sinn, nach einem gewissen Gefühl, das sie irgendwie schon einmal hatte, an das sie sich aber nicht erinnern kann. Teilweise wird sie auf ihrem Weg von Kyra begleitet, die mehr von Hopes Vergangenheit weiß, als dass sie ihr offenbaren möchte. Ihre Rolle in diesem „Blinde-Kuh-Spiel“ bleibt lange im Dunkeln. Doch sie wird, beeinflusst durch Hopes Suche, ebenfalls auf den Weg einer Entwicklung geschickt. Und schließlich wechselt eine Erkenntnis ihre Besitzerin.....
Eine junge Frau hat ihre Vergangenheit vergessen, irrt ziellos in einer amerikanischen Stadt umher, vernachlässigt sich und ihre sozialen Kontakte. Dann hat ihr Zustand irgendwie mit ihrer großen Liebe - einer Frau, die sie nicht haben wollte - zu tun und wieder geht es um eine Erkenntnis. Ja, zugegeben, das klingt sehr nach Anja Kümmels Vorgängerbuch „Das weiße Korsett“ . Am Anfang meint man, dass sich lediglich die Erzählstruktur unterscheidet: Im strengen Wechsel erzählen zwei Freundinnen, Hope und Kyra, tagebuchähnlich ihre Geschichte. Der Leser nimmt durch diese Aufteilung automatisch eine dritte Perspektive ein, was streckenweise sehr spannend ist. Trotzdem hätten es für Korsett-Kenner gerne 50 Seiten weniger sein dürfen, denn auf den ersten 100 der 256 Seiten läuft die Geschichte von "Hope´s Obsession" nahezu parallel zum Weißen Korsett.
Nur gut, dass es die in Bremen lebende Autorin versteht, den Leser mit ihren wunderschönen Bildern zu fesseln und die Sinneseindrücke der beiden Protagonistinnen so überzeugend nachvollziehbar darzustellen. Außerdem: in der Musik ist eine Variation des Themas durchaus üblich, es gibt immer viele Aspekte zu einem Leitmotiv [hier auch: Leidmotiv]. Für Korsett- Nichtkenner dürfte "Hope´s Obsession" aber von Anfang an eine fesselnde Reise durch die verschiedenen Ebenen der Psyche zweier Menschen sein.
Die durch mehrere literarische Auszeichnungen geadelte Autorin zeichnet intelligent, sprachlich gewandt und manchmal auch mit einem Hang zum Ausschweifen menschliche Entwicklungen nach. Sehr grazil und feinfühlig bringt sie dem Leser ihre Gedanken zu der philosophischen Frage nahe, was bleibt, wenn die Erinnerung geht und sich das Gefühl erhält. Ein sehr schöner Roman! www.anjakuemmel.com Marion A. Müller |