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Per Olov Enquist erzählt seine Lebensgeschichte, als ob es die eines anderen wäre: Er studierte in Uppsala, erlebte die RAF-Zeit in West-Berlin, schrieb in München als Journalist über die Olympiade und debütierte mit seinem ersten Theaterstück am Broadway in New York. "Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlimm werden?" - steht als Leitfrage über Enquists Lebensweg, der ihn auch tief in die Alkoholabhängigkeit und an den Rand des Todes führte. Die eigentümliche, in der dritten Person erzählte Autobiografie des schwedischen Schriftstellers und Literaturkritikers Per Olov Enquist ist einfach ein literarisches Meisterwerk. Obwohl autobiografisch, ist es weder selbstbeweihräuchernd oder gar bemitleidend. Es enthält keine privaten Schlammschlachten, Eitelkeiten oder gar jenes marktüberschwemmende Füllmaterial aus Belanglosigkeiten und Privatangelegenheiten, das autobiografischen Schriften so eigen ist. Stattdessen schreibt Enquist zurückhaltend, distanziert in der dritten Person über sich selbst. Aus der Sicht eines scharfsinnigen Beobachters zeichnet er seinen Lebensweg nach, die Höhen und Tiefen eines Künstlers im Spiegel seiner jeweiligen Zeit. Was „Ein anderes Leben“ ausmacht, ist eben jene Distanz zu sich selbst, die eine wundervolle, subtile Selbstironie ebenso erblühen lässt, wie ein sehr genaue analytische Sicht auf die Hauptperson selbst, die immer gleichzeitig ein bisschen Protagonist, alter Ego und Enquist selbst zu sein scheint. Für die Kenner des literarischen Werks Enquists eröffnet „Ein anderes Leben“ neue Möglichkeiten der Interpretation, Einsichten in den kreativen Prozess des Schreibens und in die damit verbundene Leiderfahrung eines Autors bzw. gewährt es ein Blick auf den steinigen, arbeitsreichen Weg vom Erlebten hin zur Verarbeitung. Somit ist das 2009 im Audiobuch Verlag erschienene Hörbuch ein unfreiwilliger aber um so mehr erhellender Beitrag zur Diskussion über Fiktion und autobiografische Ansätze in Erzählungen, denn schließlich offenbart es, wie sehr Enquists literarisches Werk mit seinem Erlebten verknüpft ist. Dieser Aspekt macht „Ein anderes Leben“ erst zu einem Bekenntnisbuch, denn diese „Enthüllungen“ sind für den Künstler mitunter noch schmerzhafter, als die Offenlegung von Sucht, Depression und Fehlern. Doch auch mit letzterem geizt Enquist keineswegs. Schonungslos zeigt er seinen Weg in die Sucht und wieder zurück ins Leben. Durch seine Schlichtheit und besagter inhaltlicher, formeller und perspektivischer Konsequenz funktioniert „Ein anderes Leben“ aber auch als reine Erzählung, ohne dass man zuvor einen Bezug zu Enquist und seinem Werk haben muss. Die meisterhaft eingesprochenen 6 CDs verleiten nach dem audiophilen Erlebnis zu einer weiteren Beschäftigung mit Enquists Werken. „Ein anderes Leben“ entpuppt sich als ein katharsischer Roman der Moderne, der das Autobiografische betont, anstatt es zu verschleiern. Das macht ihn zu Enquists bislang bestem Buch.
Thomas Manegold
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