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China wird seit geraumer Zeit von Kritikern beäugt und die Debatten und Medienberichte drehen sich meist um Menschenrechte und seine unnachgiebige Politik. Der Autor Dai Sijie vergisst dies alles nicht, aber er zeigt uns, dass es über China noch sehr viel mehr zu sagen gibt. Er hat mit „Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht“ einen ergreifenden, poetischen Roman geschrieben, dessen erzählerischer Pfad durch die asiatische Welt führt - ihre Kultur, Geschichte und Religion. Es ist eine Liebesgeschichte - aber nicht im klassischen Sinn. Den Roman neben gefühlsduseligen Schmonzetten einzureihen, würde ihm in keinster Weise gerecht. Denn der Roman erzählt auch von der bewegten Geschichte Chinas und seiner Regenten, von Terror und Neuordnung, von buddhistischen Mönchen und von Marco Polo und von der Liebe zu den schön geschwungenen asiatischen Schriftzeichen. Aber natürlich geht es auch um die große Liebe zwischen dem chinesischen Gemüsehändler Tumschuk und der Erzählerin, die nach der Kulturrevolution 1978 als eine der ersten Westeuropäer in Peking studieren darf. Ihre innige Beziehung wird begleitet von dem Wissen um eine mysteriöse seidene Schriftrolle, deren zweite Hälfte fehlt. Sie enthält ein bis dahin unbekanntes Sutra, eine Lehrrede Buddhas, das in einer sehr seltenen Sprache verfasst ist. Der letzte Kaiser von China, der ewig auf eine Entzifferung dieser seltenen Sprache hoffte, soll während seiner Deportation in einem japanischen Flugzeug in einem Anfall von Wahnsinn die seidene Schriftrolle mit den Zähnen zerrissen und die beiden Fragmente aus dem Fenster geworfen haben. Eine Hälfte wurde als „Geschenk des Himmels“ wieder gefunden, die andere blieb verschwunden. Dieser Umstand ist für alle Wissbegierigen genauso faszinierend wie quälend. Tumschuks Vater, ein französischer Sineologe, hatte sein Leben der geheimnisvollen Schriftrolle gewidmet, das Textfragment entschlüsselt und die verbissene Leidenschaft, das fehlende Stück zu finden, an seinen Sohn weitergegeben. Doch die besessene Suche nach der Auflösung führte bereits viele Generationen an einen Abgrund von Wahnsinn, Verbissenheit und Tod. Tumschuks Vater wurde zu einer lebenslanger Haft in einem chinesischen Straflager verurteilt, weil er seine Frau gegen diese halbe Schriftrolle eingetauscht haben soll. Nach seinem gewaltsamen Tod, wird auch sein Sohn alles dem geheimnisvollen Sutren- Ende unterordnen und Tumschuk verlässt dafür sogar die Frau, die er liebt. Leid und Schmerz sind unausweichlich. Es ist ein geheimnisvolles Sutra, ein Gleichnis um einen Wanderer in einer mondlosen Nacht, der an einem Abgrund ausrutscht, abstürzt, sich gerade noch an den Felsenrand klammern kann und nicht weiß, wie lange er sich noch halten kann. Und niemand weiß, wie die Geschichte endet. Die Auflösung des Rätsels am Ende des Buches ist deshalb umso eindrucksvoller. Das Hörbuch wurde ganz hervorragend produziert und ist ein echter Genuss für die Ohren. Die Sprecher (Svenja Wasser, Werner Rehm, Patrick Heppt) schaffen es, den Bild-schönen Worten Dai Sijies einen adäquaten Klang zu geben. Der mittlerweile in Frankreich lebende Autor hat einen wundervollen Roman über ein eigentlich einfaches buddhistisches Prinzip geschrieben, dessen Umsetzung aber den meisten Menschen schwer fällt. „Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht“ ist jedem Menschen zu empfehlen, der Angst vor Verlust hat, jedem, der seine Vergangenheit nicht Vergangenheit sein lassen will und jedem, der sich verbissen an Ideen und Dinge klammert. Die beschriebene Personengruppe dürfte ganz schön groß sein.... Marion Müller |