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Mehr Ungleichheit für alle!

Die Gleichheit der Blinden

Ein Interview mit der „Gamesbikeliteratin“ Nora Beyer.

In die „Gleichheit der Blinden“ schickt Nora Beyer zwei ungewöhnlich fantasiebegabte Protagonistinnen auf eine gefährliche Reise. Kernfrage des dystopischen Fantasy-Romans ist, welche Auswirkungen es hätte, wenn flächendeckend eine gesellschaftliche Gleichstellung aller Menschen eingeführt werden würde.
Da Nora Beyer nicht nur passionierte Literatin, sondern auch noch leidenschaftliche Mountainbikerin, glühende Games-Journalistin und angehende Doktorandin (Thema: Morality and Ethics in Computer Games) ist, freuten wir uns auf ein äußerst „abgefahrenes“ Interview.

Vor über 200 Jahren forderten die Franzosen „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“. Heute stellst Du in Deinem Roman zumindest die erste der Forderungen in Frage. Wieso ist „Gleichheit“ für Dich solch eine Horrorvorstellung?

Nora: Die Gleichheit, um die es in meinem Roman geht, ist eine korrumpierte. Der Grundgedanke ist ja zunächst mal nachvollziehbar: Warum hat der andere mehr als ich, obwohl ich den ganzen Tag arbeite und schufte? Das grundlegende Problem ist also gesellschaftliche und soziale Ungerechtigkeit.
Der Gedanke, um den es mir ging, steht in der Tradition der „nach-hinten-losgegangenen“ Gleichheitskonzepte (wie z.B. bei George Orwells Animal Farm) und basiert auf einer philosophischen Theorie, die in Gleichheitsdiskussionen als Standardeinwand gilt. Die Leveling-Down-Objection (ganz grob übersetzt: der Nivellierungseinwand) besagt, dass reine Gleichheit als oberster Wert nicht uneingeschränkt förderlich ist. Laut der Theorie des amerikanischen Philosophen Larry Temkin müsste ein Egalitarist (also einer, der die Gleichheit als obersten Leitwert präferiert) alle Bürger der Welt auf das einheitlich niedrigste Level bringen. Dann herrscht Gleichheit – aber um welchen Preis?

Deine eine Protagonistin – Elsa – lebt in Jetzt-Heute-Hier, die andere – Anna – in einer ganz anderen Welt. Trotzdem sind ihre Schicksale miteinander verknüpft. Nicht nur Fantasy-Autoren, auch so mancher Physiker hält Paralleluniversen für möglich. Wie siehst Du das?

Nora: Wir können eine ganze Menge Dinge denken, die faktisch unmöglich sind – in unseren Träumen trotzen wir Naturgesetzen, können fliegen oder schweben. Das entspricht nicht der (physikalischen) Realität. Aber genau darum geht es ja in meinem Roman – eben um die Frage von Realität(en). Ist die greifbare Welt um uns „realer“ als die Welt in unserem Kopf? Was ist denn überhaupt „real“? Wo verlaufen die Grenzen? Es wäre m.E. schlicht zu kurz gegriffen, nur das rein Wesenhafte, also das physikalische Sein, als (einzige) Realität zu begreifen. Das wird der menschlichen Fähigkeit zum Denken, Träumen und Spinnen einfach nicht gerecht.

Wie hat Dich Deine Arbeit als Game-Journalistin bei dem Schreiben des Romans beeinflusst?

Nora: Eine Freundin fragte mich nach dem Lesen des ersten Manuskriptentwurfs, wie ich das Spiel denn nennen wolle. Sie ging davon aus, weil der Stil sehr plastisch wirkt und gerade Annas Reise durch Alleland levelähnliche Züge hat. Dieser Schreibstil kommt wohl daher, dass ich die Geschichte tatsächlich vor meinem inneren Auge „durchgespielt“ habe. Gerade die zentralen Szenen habe ich sehr plastisch erlebt (manche könnte man ganz wunderbar als Quick-Time-Events in einem Actionspiel inszenieren). Als Game-Journalistin hängt man wohl so sehr in der Spielematerie drin, dass sich das in die eigene Fantasie einschleicht. Die Dramaturgie moderner Spiele ist mittlerweile übrigens phänomenal! Games wie „The Last of Us“ oder „Life is Strange“ reichen storytechnisch m.E. an große Literatur heran. Das relativ junge Medium erschafft gerade seine eigenen Epen, seinen ganz eigenen „Kanon“. Es ist unglaublich spannend, das mit zu begleiten.

Nora_Beyer

Du bist passionierte Mountainbikerin, auf Deiner Facebookseite sieht man Dich fast nur mit Helm. Du liebst Games und das Schreiben. Welche Parallelen gibt es zwischen Deinen drei Leidenschaften?

Nora: Wenn ich könnte, würde ich mir einen Beruf erfinden als professionelle Gamesbikeliteratin. Da bin ich gerade noch am tüfteln. Bis dahin finde ich aber immer neue und erstaunliche Bezugspunkte, meine drei Leidenschaften zu verbinden. Übers Biken kann man schreiben, während des Bikens kann man auch schreiben – etwa auf meiner nächsten großen Tour im Mai von Nürnberg zum Nordkap (u.a. auf stahlrahmen-bikes.de). Genauso lassen sich etwa literarisches Schreiben und Games verbinden wie beim New Game Journalism (Beispieltexte auf meiner Webseite).
Und: Alle drei Leidenschaften – Biken, Schreiben, Games – haben den großen Vorteil, dass ich dafür an keinen bestimmen Ort gebunden bin. Dank Laptop kann ich Artikel über Games sowohl an meinem heimischen Schreibtisch verfassen als auch in der Äußeren Mongolei. Biken kann man fast überall (außer in den flachesten Flachländern wie Belgien oder Holland vielleicht) und Schreiben – das geht ohnehin am besten irgendwo allein im Wald oder nachts im Zelt irgendwo in der Wildnis auf einer langen Radtour.
Zudem hat das Biken einen ganz einzigartigen Effekt auf mich: Meine Gedanken sind frei. Wenn ich mich auf den Wurzelteppich oder das Steinfeld direkt vor mir konzentrieren muss, kann ich mir keine Grübeleien leisten. Dann bin ich unheimlich fokussiert – wie in keiner anderen Situation. Die totale Immersion. Wenn ich dann daraus wieder „erwache“, ist mein Kopf jedes Mal so durchgespült, dass Platz gemacht wurde für eine Menge neuer Ideen und verrückter Eingebungen.

Nora_Beyer

Du hast bereits in der Mongolei, in Südkorea, in Sibirien und im Deutschen Bundestag gearbeitet. Mit etwas Abstand sieht man bekanntlich klarer: Was hast Du in dieser Zeit über Deutschland gelernt?

Nora: Das lässt sich nicht besser zusammenfassen als in den Worten meines Freundes und mongolischen Bruders Bambuk. Als ich nach dem Abitur 2007 das erste Mal mit der Transsib ganz alleine in die Mongolei gefahren bin, um dort für ein halbes Jahr zu arbeiten, waren wir einmal irgendwo auf einer rumpeligen Schotterstraße (wie dort üblich) unterwegs. Weit und breit keine Straßenschilder. Jedes Schlagloch hat – zumindest mich – völlig unvorbereitet getroffen. Bambuk stellte daraufhin ziemlich nüchtern fest: „In Germany, you have warning signs meter after meter. Here in Mongolia, it´s more like SUPRIIIISE!“
Nora BeyerNachdem ich erst gefühlte drei Jahre später das Lachen über diesen vermeintlichen Witz aufgehört hatte, habe ich die Weisheit darin erkannt. Auch wenn es ein Klischee ist: In Deutschland gibt es Straßenschilder, Verbotsschilder, Erlaubt-Schilder, Verordnungen und eine schiere Unmenge von „Passierscheinen A38“ (wie aus der legendären Szene bei Asterix & Obelix). Ich will gar nicht so weit gehen und behaupten, dass diese totale Strukturiertheit unnötig, umständlich und ineffizient ist. Aber sie macht eine Gesellschaft – und die Individuen in ihr – unter Umständen gefährlich unflexibel – und eventuell unmündig. Bambuk konnte mit jedem für mich überraschend aufgetretenen Schlagloch hervorragend umgehen und sich stets anpassen an unvorhergesehene Situationen. Eben weil da kein Schild war, auf das er sich (ja letztlich auch nur vermeintlich) „verlassen“ konnte.

Und wer ist Dein persönlicher Endgegner?

Nora: Die Zeit. Alle meine Projekte unter einen Hut zu bringen, würde manchmal verlangen, dass man die Zeiger auf der Uhr alle paar Stunden zurückdreht oder – wie Anna – die Zeit anhält. Das geht leider nicht. Also zumindest nicht in der „Realität“. In meiner Fantasie schaut das schon ganz anders aus.

Vielen Dank für das Interview – und Deine Zeit 😉