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Kultur? – Am Arsch!

Kapitalistenschwein

Die Hintergründe zum VG-Wort-Urteil.

Letzte Woche ist etwas sehr sehr Schlimmes passiert. Leider ist das, was da vom Bundesgerichtshof entschieden wurde, so komplex und branchenspezifisch, dass der „normale Mensch“ es erst mal gar nicht mitbekommen wird. Das Urteil zur VG Wort wird die Kulturlandschaft in Deutschland nachhaltig verändern. Viele Verlage werden Insolvenz anmelden, Stellen werden gestrichen, die Verlagsprogramme werden zusammengekürzt, Wissenschaftsverlage werden weniger qualitativ arbeiten können und Bücher werden teurer.

Überhaupt scheint im Kultursektor gerade alles zusammenzubrechen. Die Menschen, die Deine kulturelle Vielfalt garantieren, also die es Dir ermöglichen, coole Songs, inspirierende Texte, spannende Romane, schöne Bildbände zu finden, die sind gerade echt am Arsch, weil sie im dreistelligen Millionenbereich Gelder zurückzahlen müssen. Und da geht es nicht um Boni von Vorständen, sondern um Gelder, die zur Reinvestition in Kulturgüter genutzt wurden. Wenn Verleger böse Kapitalisten wären, wären sie nicht Verleger, sondern Banker oder Industrielle. In unserer Branche dominiert doch noch tatsächlich das Herzblut … (Schon allein wegen der geringen Gewinnspannen. Ein Buch bringt, nach Abzug der Vertriebskosten von 55% des Ladenpreises manchmal gerade so seine Herstellungskosten wieder rein.) Sehr traurig finde ich in den Diskussionen darüber den Trend, dass Menschen diesen Idealismus mit Dummheit und wirtschaftlichem Unvermögen gleichsetzen.

Derzeit wird das VG Wort-Urteil in vielen Medien diskutiert, viele finden es fair, andere finden es katastrophal und noch mehr haben zwar eine Meinung, wissen aber gar nicht, um was es da eigentlich geht. Wir möchten Dir deshalb ein paar grundlegende Dinge erklären und wir versuchen, es so einfach wie möglich zu halten. So wie bei der Sendung mit der Maus – nur eben für Dich:

Wir fangen mit unserer Erklärung bei einem sehr einfachen Ablauf an: Wenn Du ein Buch oder eine CD kaufst, dann bekommt sowohl der Verlag einen Anteil am Verkaufserlös als auch der Urheber (Autor / Musiker / Fotograf). Ein verkauftes Produkt bringt soundsoviel für den, der es sich ausgedacht hat und soundsoviel für den, der es hergestellt/gestaltet/ finanziert hat. Das ist ein einfacher Vorgang und jetzt nichts sonderlich neues …

Verwertungsgesellschaften (VGs) sind Vereine, die sich um Zweitnutzungsrechte kümmern – also wenn ein künstlerischer Inhalt nicht direkt entgeltet wird, wenn kein Verkauf stattfindet. Das wäre ja auch zu blöd, wenn Du für jedes Lied, das Du im Radio hörst, für jede Kopie, die Du in der Bibliothek ziehst, für jedes Buch, das Du ausleihst oder für jeden Text, den Du im Fernsehen präsentiert bekommst, jemanden etwas überweisen müsstest. Die VGs bündeln diese Nutzung und nehmen uns allen also sehr viel Papierkram ab. Zu den VGs gehören die Gema, die VG Bildkunst und die VG Wort (auf letztere und hier speziell auf die Belletristik werden wir dann das Hauptaugenmerk lenken, sonst wird es zu verwirrend.)

Die VGs haben bisher „breit“ eingenommen, d.h. sie haben viele kleine Beträge bei vielen Zweitnutzern eingesammelt: bei den Bibliotheken, den Herstellern von Kopierern, Radio- und Fernsehsendern, Speichermedienherstellern, ect.pp. Und sie haben dann ihre Einnahmen auch „breit“ verteilt: viele kleine Beträge an viele Urheber  – UND an die Verlage, die aus der Idee der Urheber ein fertiges Produkt gemacht und die Herstellung finanziert haben und die die Werke den Zweitnutzern auch zur Verfügung stellen, jedenfalls machen wir das so. Denn ein Demo-Tape ist noch lange kein Release und ein Manuskript ist auch nur eine Blättersammlung, aber bei weitem noch kein richtiges Buch.

Diese Ausschüttung an Verlage UND Urheber war seit der Gründung der VG Wort im Jahre 1958 so vorgesehen. Damals haben sich Verleger und Autoren zusammengeschlossen und gemeinsam die Satzung ausgearbeitet: 70% der Einnahmen für den Autor, 30% für den Verlag.
Allerdings haben die Gründungsväter der VG Wort einen schwerwiegenden juristischen Fehler gemacht. Denn sie haben einen Absatz nicht so formuliert, wie sie das eigentlich im Sinn hatten. Praktisch haben sie zwar die Verteilung der Gelder über 50 Jahre genau so wie angedacht umgesetzt, aber in der Satzung steht nun mal, dass „die Urheber“ auszahlungsberechtigt sind. Von Verlagen steht da nichts. Niente.

Deshalb hat jetzt ein Autor gegen die VG Wort geklagt, weil die Ausschüttung laut den Satzungen „den Urhebern“ zusteht, also nicht nur zu 70% sondern zu 100%. Und nun hat er in der letzten Instanz Recht bekommen.
Die Verlage müssen nun ihren VG Wort Anteil der letzten Jahre zurückzahlen – und für KEINEN Verlag, ob groß oder klein, sind das in der Summe Peanuts! Es geht um signifikante Beträge in einer Zeit, in der haptische Produkte kaum noch gekauft werden und die Zweitnutzungsrechte immer stärker an Bedeutung gewinnen. Einige Verlage werden diesen Schlag nicht überleben. Andere werden sich nur noch auf Werke konzentrieren, die verlässlich  kommerziell verwertbar sind. Der Variantenreichtum an Kulturgütern wird so oder so abnehmen, da man nun NOCH wirtschaftlicher arbeiten muss. Nahezu jeder Verlag hat diese VG-Wort-Gelder in die Produktion neuer Werke gesteckt, jetzt müssen alle die Rolle rückwärts machen und Gelder aus den Produktionen wieder abziehen. Oder, wenn sie ehrlich sind, vielleicht sogar Geld zurückzahlen, was sie gar nicht haben. Dementsprechend sind nicht nur die Verlage die Leidtragenden, sondern auch die Autoren.
Die meisten professionellen Autoren stehen diesem Urteil sehr skeptisch gegenüber, da es die freundschaftliche Allianz von Urheber und Verlag in eine wirtschaftliche Zwangsjacke packt. Noch schlimmer ist, dass es so rüberkommt, als wären Autoren und Verlage unerbittliche Konkurrenten, die gegen- und nicht miteinander arbeiten.

Können sich nun die Autoren wenigstens freuen, weil sie demnächst mehr Geld von der VG Wort bekommen? Leider auch das nicht, denn es gab bereits in Belgien einen ähnlichen Fall: Hewlett-Packard hatte gegen die dortigen VGs geklagt. Weil die Industrie nämlich den Verlagsanteil einsparen wollte. Die Industrie arbeitet schließlich immer sehr wirtschaftlich und spart, wo sie kann. Der Klage wurde stattgegeben und nun wird der Verlagsanteil nicht mehr eingezahlt. Es wird also weniger Geld zum Verteilen geben und der Gewinner ist mal wieder die Großindustrie.

Periplaneta wird die Rückzahlung nicht den Boden unter den Füßen wegreißen. Aber wir würden lügen, wenn es uns nicht tief erschüttert.
Die Politik schmückt sich zwar gerne mit den bunten Federn der Kultur, aber sie macht es uns Verlagen immer schwerer. Wenn Rewe und Edeka trotz Veto des Kartellamts fusionieren wollen, dann schreitet der Wirtschaftsminister ein. Für uns gibt es gerade keinen aktiven Fürsprecher. Verlage und das Kulturgut an sich sind wirtschaftlich einfach zu unbedeutend. Das ist wirklich traurig, weil ein ganzes Ökosystem an Ideen gerade abstirbt. Die ganze Gesellschaft wird am Ende der große Verlierer sein. Und nein, die Selfpublisher werden uns aus diesem kulturellen Debakel nicht retten.

Marion Alexa Müller
Periplaneta Verlag Berlin