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Aus
"RUHM!"
München lag in Deutschland, und mit Deutschland stand es schlecht,
zurzeit. Die Jahrtausendwende war passé, schon seit längerem,
und nichts war geschehen. Als sie kurz bevorstand, gab es jene, die sagten,
der erste Januar Zweitausend sei nur eine willkürlich gesetzte Zahl,
und andere, die meinten, das Ganze sei etwas wirklich Außerordentliches.
Der erste Januar war vorbeigegangen, und nichts Außergewöhnliches
hatte sich ereignet. Und dann folgte Zweitausendeins, und die Erde begann
sich zu erwärmen. Es fing an, bergab zu gehen, mit allem. Ein Haufen
Nostalgie-Shows im Fernsehen über die Sechziger, Siebziger oder Achtziger
konnte die Neue Angst noch ein wenig kaschieren, bis dann noch die Antike
im Kino wiederbelebt wurde, und jene längst vergessenen Schlachtszenarien
der vulgärfarbenen Fünfziger-Jahre-Filme ein weiteres Mal auf
die Leinwand geworfen wurden und mit einem Mal das Kinopublikum wieder in
den Krieg geführt wurde. Womit auch die Zeit der Anti-Kriegsfilme endgültig
beendet war, und das Thema Krieg zunächst optisch wieder da war. Kriege
von Troja und Rom und Konstantinopel als ultima ratio politischer Ungereimtheiten.
Hollywood wollte eigentlich damit sagen, dass Kriege tatsächlich wieder
denkbar waren und nützlich und vielleicht auch notwendig. Die Politik
hielt sich dann auch ans filmische Vorbild.
In den Neunzigern, bevor die großen Türme brannten, war eher
die Leere das Problem gewesen, das große X. Ein X, das nicht ausgefüllt
werden konnte. Nun aber begann etwas anderes. Das Auffüllen –
das Stopfen dieser Leere. Die Mittelschicht begann zu schrumpfen, und die
Portemonnaies wölbten sich nicht mehr, wie noch in den Achtzigern,
aus den Hosentaschen der Jeans. Es geschah so rasant, dass einem die Leere
bald gar kein Kopfzerbrechen mehr machen musste, da nun andere Probleme
vorlagen, wirkliche. Die Sinnleere der Neunziger war überwunden. Das
Durchkommen, so einfach und eindeutig wie nichts anderes, stand wieder auf
der Tagesordnung.
Und in dieser Zeit lebte unser Protagonist, Franz Kappa. Und er wollte mitreden,
als Künstler, jetzt, wo sich diese gesellschaftliche Umwandlung abzuzeichnen
begann. Er wollte aufzeigen, wie sehr sich die äußere Welt beständig
veränderte, während der Mensch an sich stets der relativ gleiche
blieb. Er sah beide klar und deutlich vor sich, Mensch und Welt, und im
Grunde wollte er sagen, vereinigt euch! Und passt auf, dass sie nicht größer
wird als ihr. Passt ja auf!
Diejenigen, die von früher schwärmten, wusste er, machten sich
etwas vor und brauchten Schuldige. Hätten am liebsten das Jetzt verklagt.
Bei Franz Kappa dagegen war es andersrum. Schuld an seinem möglichen
Versagen als Künstler konnte nur er haben. Er selbst war für alles
verantwortlich. Schließlich war er die exakte Mitte der Welt.
Iana, die Freundin von Franz, hatte sich dergleichen Gedanken noch nie gemacht.
Wie auch ihr Freund lebte sie im Heute. Lebte vom Heute, wie es Franz einmal
nannte. Und als sie ihn fragte, was er mit `vom Heute´ meine, erklärte
er ihr, dass sie eben nun mal schön sei, und dass ein Model schön
zu sein hatte, und die heutige Zeitepoche ohne Models nicht funktionieren
würde, ja, der Spätkapitalismus in ernste Schwierigkeiten geriete,
wenn ihre Sorte nicht mehr existieren würde. Das Model sei die Quintessenz
der Moderne, meinte er dann immer, ein optisch unschlagbares Argument für
das Kapital. Sie erwiderte dann, dass er einen Scheiß daherrede und
nur ein Problem habe damit, dass sie modelte. Sie hatte das Gefühl,
Franz lehne ihren Beruf vehement ab, verachte ihn.
Sie hatte anderthalb Semester Amerikanistik studiert, bevor sie ein Modelscout
in der Münchner U-Bahn ansprach, gerade nachdem eine Gruppe von Fahrkartenkontrolleuren
ihre Daten aufgenommen hatte, weil sie ausnahmsweise mal schwarzgefahren
war und dann peinlich berührt am Bahnsteig stand und zusah, wie die
vier Kontrolleure wieder in der nächsten U-Bahn verschwanden, da war
hinter ihr eine Stimme erklungen, „Verzeihung – dürfte
ich Sie etwas fragen?“
Aus
"RUHM!"
Franz passierte die purpurnen Sonnenschirme und eckigen Marmortische
des Thrombosi, die in den Odeonsplatz hineingestellt waren. Ein Café,
das voll war von deutschen Bonvivants, was in sich schon widersprüchlich
war. Diese Stadt, die meinte, südländisch zu sein und von Versteiftheit
nur so sprühte. Sie konnte keine Geschichten erzählen, diese
Stadt, wie etwa Berlin oder Prag oder ähnliches. Schicksale, die
sich am Straßenrand abspielten und abschreckten oder anzogen. Sie
zeigte keine liebevollen Schwachstellen und Ticks wie andere Metropolen,
sondern verbarg sich hinter eben
jenen einheitlich klassizistischen Häuserfassaden. Und da
saßen sie nun, in einer unglaubwürdigen Geste des Genusses,
die Münchner Figuren jenes Schachspiels, in dem es um nichts ging
und dessen adelbehafteten Benimmregeln Franz niemals auswendig lernen
und annehmen würde. Beim Thrombosi handelte es sich zudem um die
vordere Figurenreihe des Schachspiels, sprich um reich gewordene Bauern.
Die hinteren Figuren saßen eine Straßenecke weiter, im Schuands.
Franz schaute in einige Gesichter, die verkrampft dazugehörerisch
dreinsahen und empfand sogar kurz ein wenig Mitleid. Die Oberen Münchens
waren schon schlimm genug. Und die, die nicht oben waren, aber so taten,
mussten noch übler sein. Eine ältere Dame, die allein an einem
der Cafétische saß, sah zu ihm hin, und Franz erkannte mit
einem Mal ihre Einsamkeit, die sie zwischen sehr viel Schminke und altmodischer
Haute-Couture verbarg. Er sah weg und ging weiter. Beschleunigte seinen
Gang, ging exakt diagonal über den Platz und fühlte tief in
seinem Inneren, dass er München über alles in der Welt hasste.
Am liebsten hätte er sich auf die Tribüne der Feldherrenhalle
aufgestellt und kundgetan. Genau das. Seinen grenzenlosen Abscheu. Gegen
das Geldhaberische, das disziplinierte Verbergen sämtlicher seelischer
Tattoos, das Vernunftbesessene und so gar nicht Selbstzerstörerische.
Er wusste, dass die Stadt und jeder ihrer passenden Bürger gegen
ihn sein mussten. Wer hier lebte, passte auch hierher. Also waren sie
alle gegen ihn. Aber nur er wusste, dass alle gegen ihn waren. Sie hatten
keine Ahnung. Was die Sache im Grunde noch schwieriger gestaltete.
Ihm fiel der Turm der Salvatorkirche ein. Als Rettung. Den mochte er.
Seinen Anblick. Also Richtung Theatinerstraße. Franz nahm sich vor,
nicht zu übertreiben. Innerlich. Mit seiner Unversöhnlichkeit.
Tat das des Öfteren. Er übertrieb. Doch vielleicht war das ganz
hilfreich. Für ihn. Als Künstler. Die Realität übertrieben
wahrzunehmen. In ihrer einfachen Gestalt wurde sie nicht wirklich sichtbar.
Die Großen, Van Gogh etwa, oder Monet, malten nämlich nicht
genial,
sondern sahen genial. Sie sahen und malten dann nur noch das ab, was sie
sahen. Ihre visuelle Wahrnehmung war derart steigerbar oder verletzbar
oder verspielt, dass sie anders sahen als andere. Ein Weizenfeld zum Beispiel.
Van Gogh. Er sah kein Weizenfeld. Sondern etwas anderes. Und es muss ihn
so erschrocken oder berückt haben, dass er nichts anderes mehr tun
konnte, als zu dokumentieren, was er da sah. Weil es die anderen eben
nicht sehen konnten. Oder Alberto Giacometti. Der Bildhauer. Hauchdünne
Bohnenstangenmenschen aus Metall hatte er moduliert. In einem alten Schwarz-Weiß-Interview
hatte Franz gesehen, wie er erklärte, dass er diese Menschen auf
der Straße sah oder in Cafés. Dass er manchmal in diesen
Zustand geriet, in dem plötzlich alle hauchdünn waren und ewig
lang. Wie Bleistifte.
Aus "Schneeblind"
Ich
ging näher zu Anna hin und sagte mit gehauchter Stimme:
„Also komm, lass uns hier verschwinden!!"
Das gefiel ihr. Wir gingen nebeneinander Richtung Klinikpforte.
Und ich fühlte mich, als machten wir irgendwas Verbotenes. Anna
ging leicht geduckt neben mir her, und wir sprachen kein Wort. Bis wir
kurz vor dem Häuschen des Pförtners waren. Es war ein Raum
in der Mitte des Ganges. Ganz verglast. Man musste außen herum
gehen. Entweder links oder rechts vorbei – für Menschen in
der Psychiatrie keine leichte Entscheidung. Anna sah den kahlen Hinterkopf
des dicken Pförtners und schlug ihre Hand gegen meinen Bauch.
„Bleib stehen“, flüsterte sie.
„Was ist denn?!“, wollte ich wissen. „Hast du jetzt
doch Schiss!“
„Ja“, antwortete Anna und machte das Gesicht eines reumütigen
kleinen Mädchens. „Ich... weißt du... ich glaube, wir
müssen uns erst eine Erlaubnis holen, damit wir an ihm vorbeikommen.“
Sie blickte konzentriert auf den Kopf des Pförtners, dessen Gesicht
zur großen braunen Außentür hinsah. Ich sah, wie ständig
irgendwelche Personen hinein- und hinausgingen, ohne dass der ungeschlachte
Typ von Pförtner auch nur aufgeschaut hätte.
„Ich weiß“, sagte ich. „Ich glaube auch, dass
wir eine Genehmigung brauchen, aber komm, wir riskieren’s jetzt.
Mehr als in ein Irrenhaus bringen können sie uns auch nicht. Und
wir sind schon in einem. Wo ist also das Problem.“
Aus "Schneeblind"
"Hin
und wieder kam uns jemand entgegen. Aber es war kein Entgegenkommen.
Eher ein Fallen, ein Herunterfallen. Der enge Krankenhausflur war ein
Schacht. Und er reichte sehr weit nach unten. Es war ein tiefer, enger
Schacht. Die Fallenden, die uns passierten, bemerkten uns nicht. Keiner
sah uns. Keiner lächelte, grüßte. Nein. Hier war jeder
viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mit seinem Leiden. Mit
der Essenz. Dem Leben. Dem Selbst. Das ihm irgendwann begegnet war,
mitten im Leben, er stand gerade an der Kasse an, oder sie drehte gerade
den Zündschlüssel ihres Wagens herum, und da passierte es,
sie begegneten sich selbst und konnten von jenem Augenblick an nicht
mehr leben, wurden eingeliefert, diagnostiziert, ganz falsch, versteht
sich, denn schließlich handelte es sich bei ihrem Problem nur
um die enge Bekanntschaft mit sich selbst.
Und ich wünsche keinem, dass er oder sie jemals sich
selbst begegnen muss. Wirklich keinem! Also, rast und hetzt und eilt,
damit euch dies bloß niemals zustößt. Ich wünsche
es euch nicht, wirklich nicht!"
Aus "Schneeblind"
"Es
war einfach so, dass die fehlende Möglichkeit zum Selbstmord mir
soviel nahm, dass ich schier nicht mehr weiterleben konnte. Die Entscheidung
‚Leben oder Tod’ ist das Letzte, worüber man noch verfügen
kann, wenn einem nichts mehr bleibt. Das Einzige. Und dass ist doch
schließlich einiges, oder?!
Es ist aber keine Macht, die man darüber hat, sondern
eine Verzweiflung. Aus der man nur herauskommt, wenn man an die eigene
Tötung denkt. Und zwar permanent. Denn wenn man nur einen Moment
die Konzentration verliert und darauf vergisst, dann ist man so schnell
wieder unten wie man...
Es ist sozusagen ein Trick. Den man aber niemals wirklich
in der Hand hat. Denn schließlich könnte man es ja auch wirklich
tun. Springen. Oder sonst was."
Aus "Schneeblind"
"Ich
ließ meine Wut wieder abebben und dachte daran, was für eine
ungeheure Machtstellung Psychiater oder Psychologen einem Patienten
gegenüber hatten. Die totale Macht. Die Macht der Realität.
Der richtigen Realität. Wir – die Patienten – hatten
die falsche. Also zumindest die, die nicht funktionierte. Und nun traten
sie vor uns, und wir setzten uns nieder, auf ihre Stühle oder ihre
Couchsessel, und sie sahen uns an und begannen, uns zu beurteilen. Wir
erzählten ihnen bereitwillig alles, was dazu nötig war. Völlig
Fremden. Und in einer Psychiatrie war es ein ganzes Heer Fremder. Die
mehr und mehr begannen, mehr und mehr von einem zu verstehen. Und wir
redeten und redeten. Uns sie blickten in jede Ecke. Unter jede Bodendiele.
Und wir hörten nicht auf zu reden. Und irgendwann wussten sie wirklich
alles. Und dann begannen sie damit, uns zu verbessern. Nicht ausdrücklich,
nein. Sie machten es so, dass wir gar nichts mitbekamen davon. Dass
wir am Ende sogar dachten, wir hätten es selbst herausgefunden.
Unser Problem. Aber was war schon ein Problem?! Was ist ein Problem??!
Ein Problem ist nicht wirklich ein Problem. Ein Problem
ist bloß die Ausnahme. Die Ausnahme zur Regel. Aber es wird nie
Ausnahme genannt. Sondern Problem. Und somit ist die Sachlage klar.
Sie waren die Ärzte und wir waren die Patienten. Das war alles.
Das war wirklich alles."
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