andreas keck

 

startseite

vita

bücher

leseproben

termine

verweise

kontakt

impressum

 


(c)periplaneta.com

leseproben
Aus "RUHM!"
München lag in Deutschland, und mit Deutschland stand es schlecht, zurzeit. Die Jahrtausendwende war passé, schon seit längerem, und nichts war geschehen. Als sie kurz bevorstand, gab es jene, die sagten, der erste Januar Zweitausend sei nur eine willkürlich gesetzte Zahl, und andere, die meinten, das Ganze sei etwas wirklich Außerordentliches. Der erste Januar war vorbeigegangen, und nichts Außergewöhnliches hatte sich ereignet. Und dann folgte Zweitausendeins, und die Erde begann sich zu erwärmen. Es fing an, bergab zu gehen, mit allem. Ein Haufen Nostalgie-Shows im Fernsehen über die Sechziger, Siebziger oder Achtziger konnte die Neue Angst noch ein wenig kaschieren, bis dann noch die Antike im Kino wiederbelebt wurde, und jene längst vergessenen Schlachtszenarien der vulgärfarbenen Fünfziger-Jahre-Filme ein weiteres Mal auf die Leinwand geworfen wurden und mit einem Mal das Kinopublikum wieder in den Krieg geführt wurde. Womit auch die Zeit der Anti-Kriegsfilme endgültig beendet war, und das Thema Krieg zunächst optisch wieder da war. Kriege von Troja und Rom und Konstantinopel als ultima ratio politischer Ungereimtheiten. Hollywood wollte eigentlich damit sagen, dass Kriege tatsächlich wieder denkbar waren und nützlich und vielleicht auch notwendig. Die Politik hielt sich dann auch ans filmische Vorbild.
In den Neunzigern, bevor die großen Türme brannten, war eher die Leere das Problem gewesen, das große X. Ein X, das nicht ausgefüllt werden konnte. Nun aber begann etwas anderes. Das Auffüllen – das Stopfen dieser Leere. Die Mittelschicht begann zu schrumpfen, und die Portemonnaies wölbten sich nicht mehr, wie noch in den Achtzigern, aus den Hosentaschen der Jeans. Es geschah so rasant, dass einem die Leere bald gar kein Kopfzerbrechen mehr machen musste, da nun andere Probleme vorlagen, wirkliche. Die Sinnleere der Neunziger war überwunden. Das Durchkommen, so einfach und eindeutig wie nichts anderes, stand wieder auf der Tagesordnung.
Und in dieser Zeit lebte unser Protagonist, Franz Kappa. Und er wollte mitreden, als Künstler, jetzt, wo sich diese gesellschaftliche Umwandlung abzuzeichnen begann. Er wollte aufzeigen, wie sehr sich die äußere Welt beständig veränderte, während der Mensch an sich stets der relativ gleiche blieb. Er sah beide klar und deutlich vor sich, Mensch und Welt, und im Grunde wollte er sagen, vereinigt euch! Und passt auf, dass sie nicht größer wird als ihr. Passt ja auf!
Diejenigen, die von früher schwärmten, wusste er, machten sich etwas vor und brauchten Schuldige. Hätten am liebsten das Jetzt verklagt. Bei Franz Kappa dagegen war es andersrum. Schuld an seinem möglichen Versagen als Künstler konnte nur er haben. Er selbst war für alles verantwortlich. Schließlich war er die exakte Mitte der Welt.
Iana, die Freundin von Franz, hatte sich dergleichen Gedanken noch nie gemacht. Wie auch ihr Freund lebte sie im Heute. Lebte vom Heute, wie es Franz einmal nannte. Und als sie ihn fragte, was er mit `vom Heute´ meine, erklärte er ihr, dass sie eben nun mal schön sei, und dass ein Model schön zu sein hatte, und die heutige Zeitepoche ohne Models nicht funktionieren würde, ja, der Spätkapitalismus in ernste Schwierigkeiten geriete, wenn ihre Sorte nicht mehr existieren würde. Das Model sei die Quintessenz der Moderne, meinte er dann immer, ein optisch unschlagbares Argument für das Kapital. Sie erwiderte dann, dass er einen Scheiß daherrede und nur ein Problem habe damit, dass sie modelte. Sie hatte das Gefühl, Franz lehne ihren Beruf vehement ab, verachte ihn.
Sie hatte anderthalb Semester Amerikanistik studiert, bevor sie ein Modelscout in der Münchner U-Bahn ansprach, gerade nachdem eine Gruppe von Fahrkartenkontrolleuren ihre Daten aufgenommen hatte, weil sie ausnahmsweise mal schwarzgefahren war und dann peinlich berührt am Bahnsteig stand und zusah, wie die vier Kontrolleure wieder in der nächsten U-Bahn verschwanden, da war hinter ihr eine Stimme erklungen, „Verzeihung – dürfte ich Sie etwas fragen?“

 

Aus "RUHM!"
Franz passierte die purpurnen Sonnenschirme und eckigen Marmortische des Thrombosi, die in den Odeonsplatz hineingestellt waren. Ein Café, das voll war von deutschen Bonvivants, was in sich schon widersprüchlich war. Diese Stadt, die meinte, südländisch zu sein und von Versteiftheit nur so sprühte. Sie konnte keine Geschichten erzählen, diese Stadt, wie etwa Berlin oder Prag oder ähnliches. Schicksale, die sich am Straßenrand abspielten und abschreckten oder anzogen. Sie zeigte keine liebevollen Schwachstellen und Ticks wie andere Metropolen, sondern verbarg sich hinter eben
jenen einheitlich klassizistischen Häuserfassaden. Und da
saßen sie nun, in einer unglaubwürdigen Geste des Genusses, die Münchner Figuren jenes Schachspiels, in dem es um nichts ging und dessen adelbehafteten Benimmregeln Franz niemals auswendig lernen und annehmen würde. Beim Thrombosi handelte es sich zudem um die vordere Figurenreihe des Schachspiels, sprich um reich gewordene Bauern. Die hinteren Figuren saßen eine Straßenecke weiter, im Schuands. Franz schaute in einige Gesichter, die verkrampft dazugehörerisch dreinsahen und empfand sogar kurz ein wenig Mitleid. Die Oberen Münchens waren schon schlimm genug. Und die, die nicht oben waren, aber so taten, mussten noch übler sein. Eine ältere Dame, die allein an einem der Cafétische saß, sah zu ihm hin, und Franz erkannte mit einem Mal ihre Einsamkeit, die sie zwischen sehr viel Schminke und altmodischer Haute-Couture verbarg. Er sah weg und ging weiter. Beschleunigte seinen Gang, ging exakt diagonal über den Platz und fühlte tief in seinem Inneren, dass er München über alles in der Welt hasste. Am liebsten hätte er sich auf die Tribüne der Feldherrenhalle aufgestellt und kundgetan. Genau das. Seinen grenzenlosen Abscheu. Gegen das Geldhaberische, das disziplinierte Verbergen sämtlicher seelischer Tattoos, das Vernunftbesessene und so gar nicht Selbstzerstörerische. Er wusste, dass die Stadt und jeder ihrer passenden Bürger gegen ihn sein mussten. Wer hier lebte, passte auch hierher. Also waren sie alle gegen ihn. Aber nur er wusste, dass alle gegen ihn waren. Sie hatten keine Ahnung. Was die Sache im Grunde noch schwieriger gestaltete.
Ihm fiel der Turm der Salvatorkirche ein. Als Rettung. Den mochte er. Seinen Anblick. Also Richtung Theatinerstraße. Franz nahm sich vor, nicht zu übertreiben. Innerlich. Mit seiner Unversöhnlichkeit. Tat das des Öfteren. Er übertrieb. Doch vielleicht war das ganz hilfreich. Für ihn. Als Künstler. Die Realität übertrieben wahrzunehmen. In ihrer einfachen Gestalt wurde sie nicht wirklich sichtbar. Die Großen, Van Gogh etwa, oder Monet, malten nämlich nicht genial,
sondern sahen genial. Sie sahen und malten dann nur noch das ab, was sie sahen. Ihre visuelle Wahrnehmung war derart steigerbar oder verletzbar oder verspielt, dass sie anders sahen als andere. Ein Weizenfeld zum Beispiel. Van Gogh. Er sah kein Weizenfeld. Sondern etwas anderes. Und es muss ihn so erschrocken oder berückt haben, dass er nichts anderes mehr tun konnte, als zu dokumentieren, was er da sah. Weil es die anderen eben nicht sehen konnten. Oder Alberto Giacometti. Der Bildhauer. Hauchdünne Bohnenstangenmenschen aus Metall hatte er moduliert. In einem alten Schwarz-Weiß-Interview hatte Franz gesehen, wie er erklärte, dass er diese Menschen auf der Straße sah oder in Cafés. Dass er manchmal in diesen Zustand geriet, in dem plötzlich alle hauchdünn waren und ewig lang. Wie Bleistifte.
 
Aus "Schneeblind"

Ich ging näher zu Anna hin und sagte mit gehauchter Stimme:
„Also komm, lass uns hier verschwinden!!"
Das gefiel ihr. Wir gingen nebeneinander Richtung Klinikpforte. Und ich fühlte mich, als machten wir irgendwas Verbotenes. Anna ging leicht geduckt neben mir her, und wir sprachen kein Wort. Bis wir kurz vor dem Häuschen des Pförtners waren. Es war ein Raum in der Mitte des Ganges. Ganz verglast. Man musste außen herum gehen. Entweder links oder rechts vorbei – für Menschen in der Psychiatrie keine leichte Entscheidung. Anna sah den kahlen Hinterkopf des dicken Pförtners und schlug ihre Hand gegen meinen Bauch.
„Bleib stehen“, flüsterte sie.
„Was ist denn?!“, wollte ich wissen. „Hast du jetzt doch Schiss!“
„Ja“, antwortete Anna und machte das Gesicht eines reumütigen kleinen Mädchens. „Ich... weißt du... ich glaube, wir müssen uns erst eine Erlaubnis holen, damit wir an ihm vorbeikommen.“
Sie blickte konzentriert auf den Kopf des Pförtners, dessen Gesicht zur großen braunen Außentür hinsah. Ich sah, wie ständig irgendwelche Personen hinein- und hinausgingen, ohne dass der ungeschlachte Typ von Pförtner auch nur aufgeschaut hätte.
„Ich weiß“, sagte ich. „Ich glaube auch, dass wir eine Genehmigung brauchen, aber komm, wir riskieren’s jetzt. Mehr als in ein Irrenhaus bringen können sie uns auch nicht. Und wir sind schon in einem. Wo ist also das Problem.“


Aus "Schneeblind"

"Hin und wieder kam uns jemand entgegen. Aber es war kein Entgegenkommen. Eher ein Fallen, ein Herunterfallen. Der enge Krankenhausflur war ein Schacht. Und er reichte sehr weit nach unten. Es war ein tiefer, enger Schacht. Die Fallenden, die uns passierten, bemerkten uns nicht. Keiner sah uns. Keiner lächelte, grüßte. Nein. Hier war jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mit seinem Leiden. Mit der Essenz. Dem Leben. Dem Selbst. Das ihm irgendwann begegnet war, mitten im Leben, er stand gerade an der Kasse an, oder sie drehte gerade den Zündschlüssel ihres Wagens herum, und da passierte es, sie begegneten sich selbst und konnten von jenem Augenblick an nicht mehr leben, wurden eingeliefert, diagnostiziert, ganz falsch, versteht sich, denn schließlich handelte es sich bei ihrem Problem nur um die enge Bekanntschaft mit sich selbst.
   Und ich wünsche keinem, dass er oder sie jemals sich selbst begegnen muss. Wirklich keinem! Also, rast und hetzt und eilt, damit euch dies bloß niemals zustößt. Ich wünsche es euch nicht, wirklich nicht!"


Aus "Schneeblind"

"Es war einfach so, dass die fehlende Möglichkeit zum Selbstmord mir soviel nahm, dass ich schier nicht mehr weiterleben konnte. Die Entscheidung ‚Leben oder Tod’ ist das Letzte, worüber man noch verfügen kann, wenn einem nichts mehr bleibt. Das Einzige. Und dass ist doch schließlich einiges, oder?!
   Es ist aber keine Macht, die man darüber hat, sondern eine Verzweiflung. Aus der man nur herauskommt, wenn man an die eigene Tötung denkt. Und zwar permanent. Denn wenn man nur einen Moment die Konzentration verliert und darauf vergisst, dann ist man so schnell wieder unten wie man...
   Es ist sozusagen ein Trick. Den man aber niemals wirklich in der Hand hat. Denn schließlich könnte man es ja auch wirklich tun. Springen. Oder sonst was." 


Aus "Schneeblind"

"Ich ließ meine Wut wieder abebben und dachte daran, was für eine ungeheure Machtstellung Psychiater oder Psychologen einem Patienten gegenüber hatten. Die totale Macht. Die Macht der Realität. Der richtigen Realität. Wir – die Patienten – hatten die falsche. Also zumindest die, die nicht funktionierte. Und nun traten sie vor uns, und wir setzten uns nieder, auf ihre Stühle oder ihre Couchsessel, und sie sahen uns an und begannen, uns zu beurteilen. Wir erzählten ihnen bereitwillig alles, was dazu nötig war. Völlig Fremden. Und in einer Psychiatrie war es ein ganzes Heer Fremder. Die mehr und mehr begannen, mehr und mehr von einem zu verstehen. Und wir redeten und redeten. Uns sie blickten in jede Ecke. Unter jede Bodendiele. Und wir hörten nicht auf zu reden. Und irgendwann wussten sie wirklich alles. Und dann begannen sie damit, uns zu verbessern. Nicht ausdrücklich, nein. Sie machten es so, dass wir gar nichts mitbekamen davon. Dass wir am Ende sogar dachten, wir hätten es selbst herausgefunden. Unser Problem. Aber was war schon ein Problem?! Was ist ein Problem??!
   Ein Problem ist nicht wirklich ein Problem. Ein Problem ist bloß die Ausnahme. Die Ausnahme zur Regel. Aber es wird nie Ausnahme genannt. Sondern Problem. Und somit ist die Sachlage klar. Sie waren die Ärzte und wir waren die Patienten. Das war alles. Das war wirklich alles."