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Die Wirklichkeit ist viel skurriler als mein eigener Gehirnfasching

Andre-Ziegenmeyer & Humlet

Ein Interview mit dem jüngsten Urgestein von Periplaneta.

André Ziegenmeyer, immer noch in jeder Hinsicht Jungautor, ist ein Periplanetaner der ersten Stunde. Mit seinem Hörbuch „P.L.Ü.S.C.H.“, das inzwischen ausverkauft ist, fing 2007 alles an. Jetzt erfreut er sich und seine Umwelt mit seinem mittlerweile fünften bei Periplaneta erschienenem Werk, das „Ententanz und Armageddon“ heißt und wie sein Vorgänger „Sex, Drugs und Feenstaub“ als Kurzfantasmensammlung mit CD erschienen ist. Obwohl immer noch primär im Fantasy Genre beheimatet, ente(r)t André Ziegenmeyer mittlerweile auch Poetry-Slam-Bühnen, was sehr ungewöhnlich ist, denn immer noch begegnet man in seinen Texten diversen Fabelwesen oder eben einer Ente, die Angst im Dunkeln hat.  Sonja Gerter sprach mit André Ziegenmeyer über Wünsche, Inspirationen und Apps.

Du schreibst über Hexen, Feen, Schneeflockenschnitzer oder Büchergnome – wenn dich ein Fabelwesen verkörpern würde, welches wäre es?

André Ziegenmeyer: Wenn ich mir meine Schreibkammer und meinen Arbeitsstil anschaue: Vermutlich ein Rumpelwicht wie bei Ronja Räubertochter. Immer ein bisschen verbimmelt, aber sehr fröhlich dabei. Obwohl mir auch die Buchlinge von Walter Moers ausgesprochen gut gefallen. Und natürlich die Wilde 13 von Michael Ende. Es geht nichts über Kummerländer Brandwein!

In deinem neuen Werk „Ententanz und Armageddon“ tauchen nun vermehrt reale Figuren auf und Du schreibst auch über alltägliche Dinge, beispielsweise Jugenderinnerungen. Deine bisherigen Erscheinungen befassten sich mit fiktiven Kreaturen und haben fantastische Züge. Woher kommt dieser Wandel?

AZ: Das war eigentlich bloß ein Experiment. Für Lesungen, Slams und offene Bühnen braucht man ja ständig neue Texte. Aus der Not habe ich dann mal auf absurde Alltagserlebnisse zurückgegriffen. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass die Wirklichkeit sehr viel skurriler ist als mein eigener Gehirnfasching. Das gibt mir schon zu denken. Aber eine große Kehrtwende ist das nicht. Die meisten Geschichten wurzeln irgendwo im Alltag. Allerdings verbinde ich sie gern mit Märchenelementen. Auf diese Weise kann ich den Leser oder Zuhörer bei etwas Bekanntem abholen und ihn dann auf einer wilden Tour durch die Fantasie mitschleifen. Wenn die Realität dann und wann ein gutes Stichwort gibt, habe ich nichts dagegen. Aber es besteht kein Grund zur Sorge, dass ich demnächst einen reinen Reportage-Band schreibe. Außerdem lande ich auch im neuen Buch oft genug bei Zombies, sechsbeinigen Hells Angels oder liebeskranken Hummeln. Mein Kopf ist also noch wirr genug.

Und das ist auch gut so! Bei aller Verschrobenheit, gibt es aber auch einen satirischen/kabarettistischen André. Quasi fantastisch-verpackte Gesellschaftskritik. Was zeckt dich diesbezüglich gerade am meisten?

AZ: Puh. Als Weltverbesserer tauge ich vermutlich wenig. Ich mag nur nicht, was Michael Ende bei Momo als die Grauen Herren beschrieben hat. Leute, die ihren Horizont einengen, bis Ordnung und Effizienz ganz vorne stehen. Die Welt ist bunt und sollte es bleiben. Ich finde, jeder sollte seinen kleinen Narren in sich tragen und ihn liebevoll pflegen. Schließlich besteht das Leben nicht nur aus Kosten-Nutzen beziehungsweise Ursache-Wirkung. Oder um es mit den Worten eines Kollegen zu sagen: Du kannst verschroben sein wie Du willst – solange Du an Wunder glaubst, ist alles gut.

Apropos die Welt ein wenig bunter machen. Du amüsierst dich in einer deiner Erzählungen über sinnlose Apps. Welche App würde zu dieser Welt beitragen?

AZ: In meinen Augen könnte das Leben eine Art Hilfe-Funktion brauchen. Gerne auch als App. Denn scheinbar hat jemand vergessen, uns ein Handbuch mit auf den Weg zu geben. Seit Jahrtausenden schlagen wir uns nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip durch die Evolution. All diese menschlichen Wirrungen. Da muss man doch was dran drehen können. Doch das Problem ist vermutlich die Hotline. Wenn die so gut funktioniert wie bei Telekom oder Post, dann gute Nacht… aber das ist schon wieder eine eigene Geschichte.

Eine letzte Frage. Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?

AZ: Das ist im Moment sehr einfach zu beantworten: Ich wünsche mir, dass unsere Tochter 2015 gesund zur Welt kommt.

Das wünschen wir dir auch und vielen Dank für das Interview!