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Die verbotenen Bücher

Installation auf der documenta erinnert an vergangene und aktuelle Zensur.

Was haben die Bibel und Harry Potter gemeinsam? Beide Bücher waren einmal verboten oder zumindest der Zensur unterworfen – und sind es auch heute noch an bestimmten Orten der Welt. Deshalb sind sie zwei der über fünfzigtausend verbotenen Bücher, welche die argentinische Künstlerin Marta Minujín in ihrer Installation „The Parthenon of Books“ derzeit auf der documenta in Kassel ausstellt. Die documenta ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst, die alle fünf Jahre stattfindet. Austragungsort ist dieses Jahr vom 10. Juni bis zum 17. September wie immer Kassel und bis zum 16. Juli zusätzlich Athen.

Die Argentinierin Minujín hat in diesem Rahmen ein 70 Meter langes, 30 Meter breites und 20 Meter hohes Monument nach dem Vorbild des Parthenon-Tempels auf der Akropolis in Athen geschaffen, konstruiert aus einem Metallgerüst und behängt mit einem in Plastik eingeschweißten Bücher-Mosaik, das vor allem durch Spenden von Verlagen zusammenkam. Unter zahlreichen politischen Schriften befinden sich Werke wie Bret Easton Ellis’ American Psycho, Vladimir Nabokovs Lolita, Kinderbücher wie Tom Sawyer sowie die Grimm’schen Märchen – die Weinflasche in Rotkäppchens Präsentkorb für die Großmutter war einer kalifornischen Behörde ein Dorn im Auge. Harry Potter ist übrigens deshalb unter den verbotenen Büchern, weil Eltern in den USA erfolgreich Einspruch dagegen erhoben, dass die Buchreihe in die Schulbibliotheken aufgenommen wird. Die Vorwürfe lauteten dabei unter anderem: Gewalt, Okkultismus, Satanismus, anti-familiäre Tendenzen und Homosexualität (wussten die damals etwa schon von Dumbledore und Grindelwald?!).

Das „Parthenon der Bücher“ – ursprünglich ein ästhetisches und politisches Symbol der ersten Demokratie – steht auf dem Kasseler Friedrichsplatz, auf dem 1933 von den Nazis rund 2000 Bücher verbrannt wurden. Übrigens mitnichten ein rein historisches Vorgehen, wie unter anderem die Harry Potter-Bücherverbrennungen im Jahr 2006 in Moskau und in den USA, oder die Verbrennung der homoerotischen Lyrik des arabischen Dichters Abu Nuwas durch das ägyptische Kulturministerium 2001, beweisen. An solche geschichtlichen sowie hochaktuellen Angriffe auf die Demokratie und die künstlerische Freiheit soll das Kunstwerk erinnern.

Marta Minujín lebte selbst jahrelang in einem Staat voller Zensur und Unterdrückung, nämlich in der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis ’83, und will nun mit ihrer Kunst die Demokratie fördern. Mit ihrer Installation setzt sie ein beeindruckendes Symbol und Mahnmal zugleich. Die Freiheit des Denkens und der Kunst gilt es zu wahren und zu verteidigen, denn sie ist nicht und war nie selbstverständlich gegeben, scheint das „Parthenon der Bücher“ auszusagen.

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“, schreibt der Bühnenpoet Lucas Fassnacht im Bezug auf die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten und zitiert damit einen Satz von Heinrich Heine aus dem Jahr 1823, der sich ein Jahrhundert später bewahrheiten sollte. In seinem Text Feuer und Sprache behandelt Fassnacht die beiden Elemente, die den Menschen seit Anbeginn seiner Zeit ausmachen, mit denen Bücher geschrieben und vernichtet, Kriege geführt und beendet werden können:

FR. 27.10.2017 ab 20 h @ Periplaneta Literaturcafé Berlin: LUCAS FASSNACHT: "FEUER & SPRACHE" LIVE

FR. 27.10.2017 ab 20 h @ Periplaneta Literaturcafé Berlin: LUCAS FASSNACHT „FEUER & SPRACHE“ LIVE

„Feuer und Sprache. Rivalen sind sie, im stetigen Wettstreit befindlich. Wie das Wasser das Feuer zu löschen vermag, so kühlt die Sprache das entbrannte Gemüt. Wo das Feuer hingegen herrscht, verlernen die Menschen zu sprechen.“

Mehr reflektierte Gesellschaftskritik und durchdachte sowie humorvolle Wortkunst gibt es nachzulesen in der gleichnamigen Sammlung von Fassnachts Bühnentexten, erschienen im September 2017 bei Periplaneta.

Vanessa Franke