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Bodo Wartke und das Capital Dance Orchestra

Auditiv beglückend und bes(ch)wingt im Admiralspalast.

Berlin, 22.10.2013, Dienstagabend, 20:05 Uhr:
Der Hut sitzt, die Hose faltenfrei, die Schuhe gewienert. Das zwölfköpfige Orchester spielt beschwingt zum Intro der „Swingenden Notwendigkeit“ auf. Die Musiker verstehen ihr Handwerk, wie auf Knopfdruck kommt Mitwipp-Stimmung auf. Dann geht ein Raunen durch die Menge, als Bodo Wartke singend die Bühne des fast ausverkauften Admiralspalastes betritt.
Kenner stutzen und vermissen sofort das obligatorische Hemd in Primärfarben, das er heute gegen einen weißen Anzug eingetauscht hat. Vor dem schwarz-gewandeten Capital Dance Orchestra verbreitet Wartke die Aura eines Jay Gatsby; mit tänzelnder Leichtfüßigkeit begrüßt er reimend das Publikum und leitet im selben Atemzug zu Ich trau‘ mich nicht, dem ersten Song des Abends, über.

Spätestens jetzt begreift auch der letzte Zuhörer, warum es zwei grundsätzlich verschiedene Dinge sind, Bodo Wartke auf einem Medium abzuspielen oder ihn live in Aktion vor sich zu sehen. Wartke singt, blödelt, dichtet und fällt sich immer wieder selbst ins Wort. Irgendwie nimmt so das Lied kein Ende – ein Gedanke, den Wartke vorausgesehen haben muss, verspricht er doch für den Abend mehr Songs, als das Orchester Musiker hat und einen, wie er augenzwinkernd verspricht, steigenden Anspruch bis hin zur Kür mit Swing im zweiten Teil.

Bodo Wartke by Sven Schütze
Bodo Wartke am Klavier

So folgt dann in den nächsten 75 Minuten bis zur Pause zunächst ein wilder Stilmix und Querschnitt durch Wartkes bisherige vier Klavierkabarettprogramme der letzten 15 Jahre, bei dem nicht nur der Sänger, sondern vor allem das Orchester unter der Leitung von David Canisius glänzt und sich von den Slapstick-Einlagen des Ausnahmetalentes Wartke nicht im mindesten aus der Ruhe bringen lässt. „Wer heute hier Mist baut, muss gehen, inklusive mir!“, hat dieser lauthals angekündigt, doch es besteht wohl kaum Gefahr, dass die Zuschauer im Laufe des Abends nur noch vor einer halbleeren Bühne sitzen werden.

Bodo Wartke singt von moderner Nachkriegsarchitektur, denkenden Denkmälern, den Freuden der Technomusik und immer wieder von – der Liebe und Frauen …. und den zahlreichen Missverständnissen, die das Zusammenleben mit ihnen mit sich bringt. Jedes neue Stück wird vom Publikum bereits nach den ersten Takten von begeistertem Raunen und Klatschen begrüßt und die virtuosen Reimgebilde des Wahl-Berliners wachsen in schwindelerregende Höhen, versetzen Sprachfetischisten in Entzücken und sorgen für immer wieder neue Lachsalven.

Bodo – Phänomen, Frechdachs, Publikumsliebling und singender Schwiegermuttertraum überzeugt auch ohne selbst an den Tasten zu sitzen mit Wortwitz, großem Entertainmentpotenzial und einem Tanztalent, das wohl wenige so in ihm vermutet hätten.
Besonders im zweiten Teil, der von Swing, Jazz, Rock ‘n‘ Roll und viel Big Band geprägt ist, zaubert Wartke mit zwei in verführerisches Rot gekleideten Backgroundsängerinnen, mitreißenden Tanzchoreografien und tollen Soloperformances einzelner Orchestermitglieder ein Kaninchen nach dem anderen aus dem Hut.

Ein Kaleidoskop aus Farben, Wortwitz und tollen Orchesterarrangements beamen den Zuhörer mitten hinein in eine riesige Gute-Laune-Revue. Da macht es auch gar nichts, dass Wartke am Ende von seinem mittlerweile 88 Sprachen umfassenden Liebeslied die ukrainische Strophe nur noch zur Hälfte kann – wie er kurz vorher selbst singend verkündet hat, ist er „so vergesslich“.

Seine „Kavalierskavallerie“ und er haben ganze Arbeit geleistet. Nach mehreren Zugaben und drei Stunden bester Unterhaltung brandet Applaus auf, minutenlang, Pfiffe und Rufe und ein Sturm von trampelnden Füße auf den Balkonen und Galerien steigern sich zu einem Crescendo. Ein denkwürdiger Abend endet, an dem alteingesessene Wartke-Fans von einem großartigen Bodo im neuen Gewand überrascht wurden und Newbies unter den Zuschauern sich nun endgültig zu den Jüngern des Tastenakrobaten zählen dürfen.

Franziska Dreke