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Berliner Lesebühnen: Hamset nich kleina?

Lea Streisand, Ahne und Gott im Bänsch.

System of a Down dröhnt aus den Lautsprechern und der Geruch von Nic Nac’s liegt in der Luft, als ich abends das Bänsch in Berlin-Friedrichshain betrete. Lea Streisands Lesebühne „Hamset nich kleina?“ beginnt sozusagen von vorn – nach langer Pause.
Lea hatte auf ihrem Blog Anfang März 2015 bekanntgeben müssen, dass ihre Minilesebühne mit Lieblingsgast obdachlos geworden sei. Grund hierfür war die Schließung des Bänsch. Doch jetzt, nach dessen Neueröffnung, kann die Show endlich weitergehen. Eingeladene Gäste gab es diesmal zwei: Ahne, Leas Radio Eins Kollege, und Gott. Zumindest wurden beide auf ihrem Blog als Gäste angekündigt.
Nachdem ich mir ein Getränk an der Theke geholt habe, suche ich mir einen möglichst guten Platz. Gar nicht mal so einfach, denn es ist rappelvoll.  Schon bald gibt es drinnen auch keine Stehplätze mehr und draußen bildet sich eine kleine Menschentraube. Die Fenster standen bereits vor meiner Ankunft offen. Gut so, denn sonst wäre es bei der Anzahl von Menschen schon bald sehr stickig geworden.

Kurz nach acht wird die Musik ausgemacht. Stattdessen tönt nun Leas Stimme aus den Lautsprechern. Sie begrüßt die Zuhörer, applaudiert der Crew des Bänsch als Dank dafür, dass sie die Lesebühne ermöglichten. Sie erwähnt Ahnes Reformbühne Heim & Welt, die diesen Sonntag ihr 20. Jubiläum feiern würde. Eigentlich wäre das Jubiläum ja bereits im Januar gewesen, wirft Ahne ein, aber irgendwie hätte man das vergessen. Alles halb so wild, dann wird eben nachgefeiert.
„Wollen wir langsam mal mit’m Lesen anfangen? Was meinst du?“, fragt Lea nach einer Weile und blättert in ihren Texten. In ihrem ersten Text spricht sie von Männern im Rentenalter, die davon überzeugt sind, sie hätten sich seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr kaum verändert. Ahnes Text erzählt von der Zukunft, in der alle Menschen aufgrund von Schönheits-OPs gleich aussehen und auch das Wissen könne man dann spritzen. Niemand bräuchte sich dann noch selbst zu informieren. Man könne sich dann einfach sämtliche neue Erkenntnisse einimpfen lassen. Anschließend erzählt Lea davon, dass die Menschen nicht gewillt wären, für Kunst zu bezahlen. Für die neuesten Computer, Handy oder Tablets gibt unsere Gesellschaft bereitwillig Hunderte von Euro aus, aber die Musik, die wir damit hören und die Filme, die wir damit schauen, die sollten am besten nichts kosten. Ahne steht anschließend von seinem Stuhl auf, weil er jetzt singen möchte und es sich im Stehen am besten singen ließe. Seinen Song „Außenpolitik“ wird er ohne musikalische Begleitung vortragen. „Weil ich immer zu faul war, um ein Instrument zu lernen“, begründet er und singt dann aus Rücksicht für die umliegenden Anwohner ohne Mikro.

Nach der Pause liest Ahne aus seiner Reihe Zwiegespräche mit Gott. Gott konnte allerdings heute nicht kommen, erklärt Ahne, weswegen er seine Stimme übernehmen würde. Spricht er von rechts ins Mikro, ist er Gott, spricht er von links, ist er Ahne. „Warum haben wir Deutschen einklich so wenich Humor, Gott?“, fragt er von links. „Weil ihr so wichtich seid“, antwortet er von rechts…
Lea liest über Konserven, die ewig halten, auch wenn sie bereits abgelaufen sind. Und über ein schwedisches Möbelhaus, in das man wegen einer Sache reingeht, aber mit tausend Sachen rauskommt. Ahne liest Gedicht, die sich zwar selten reimen, aber mich und viele aus dem Publikum zum Lachen bringen. Lea folgt mit einem Interview mit Ingeborg Rapoport, einer 102-jährigen Frau, die ihre Doktorarbeit bereits 1937 abgegeben hatte, aber erst dieses Jahr ihren Doktortitel erhielt. Danach stellt Ahne in seinem Text fest, dass er statt einem neuen Gebiss im Alter lieber heute neues Zahnfleisch hätte, da seins immer zum Bluten neige.
Zwischendurch wurde bereits ein Hut herumgereicht, in den man Geld für die Künstler legen kann. Leises Geld ist immer besser als lautes Geld, scherzt Lea und reicht zusätzlich noch ein Poesiealbum in die erste Reihe, in dem sich ihre Gäste verewigen können.
Und plötzlich – ich habe nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verflog – ist es auch schon kurz vor zehn und Lea teilt ein paar Kärtchen aus, auf dem die Worte zu dem Song stehen, den sie jetzt mit allen Besuchern singen möchte. Ode an den Fernsehturm heißt er. Sie habe dafür ein Lied von Ludwig van Beethoven umgeschrieben, erklärt sie. Der Text handelt von Leas Kindheit und von Berlin als Heimat, die Melodie stimmt nicht bei allen und das Publikum singt bereitwillig mit. Die Stimmung ist einfach nur super.
Danach ist niemand bereit zu gehen und so unterhält sich Ahne noch einmal mit Gott und Lea liest davon, dass man auch bei der Wahl der 112 in einer Warteschleife landet und die Mülltonne längst ausgebrannt ist, wenn die Feuerwehr erscheint. Dann ist aber wirklich gut für heute, meint Lea. Ein spaßiger Abend in familiärer Atmosphäre geht zu Ende. Ich komme garantiert noch einmal hierher.

Vanessa